E I N L A D U N G

„Ein wilder Apfelbaum will ich werden – Szeretném, ha vadalmafa lennék"

Attila József zum 100. Geburtstag

Lesung aus dem neuerschienenen zweisprachigen Band  mit Csaba Báthori

 

Zeit, Ort: Montag, 27. Juni 2005, 20.00 Uhr, Lyrik-Kabinett, Amalienstraße 83/Rückgebäude (U3/U6 Haltestelle Universität)

Mitveranstalter: Stiftung Lyrik-Kabinett, mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats

Eintritt: 5,50/3,50 €. Mitglieder Lyrik-Kabinett: frei

Einführung: Mária Kelemen, M.A. (Institut für Finnougristik-Uralistik der Ludwig-Maximilians-Universität München)

Sprecherin: Helga Roloff

Attila József wurde 1905 geboren. Sein Vater verschwand, als er drei Jahre alt war, mit 14 Jahren verlor er seine Mutter. 1923 veröffentlichte die führende ungarische Literaturzeitschrift ,Nyugat’ (Westen) seine ersten Gedichte. Eines davon brachte ihm einen Gotteslästerungsprozeß ein, in dem er jedoch freigesprochen wurde. Schon im Jahr vorher war sein erster Gedichtband „Bettler der Schönheit" erschienen, zeit seines Lebens sollten sechs weitere folgen. Mit 19 Jahren trat Attila József in die Universität von Szeged ein, aus der er 1925 aufgrund eines revolutionären Gedichts exmatrikuliert wurde; die Universität trug von 1962-2000 seinen Namen. Nach Studienaufenthalten in Österreich und Paris wurde er 1931 in Budapest Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei; doch auch aus ihr wurde er ausgeschlossen, als er 1933 nach Hitlers Machtergreifung in einem Artikel die »in ihrem eigenen Marxismus ertrunkenen Berufsrevolutionäre« harsch kritisierte. 1937 warf er sich, von Armut, Rückschlägen und Depressionen zermürbt, im Alter von 32 Jahren vor einen Zug. »Es war ihm beschieden, vollkommen zu sein. Nicht nur ein ausgewählter Teil, sondern sein ganzes Lebenswerk verdient die Ewigkeit«, so die Abschiedsworte seines Freundes Ferenc Fejtő (1938). Heute ist einer der bedeutendsten ungarischen Literaturpreise nach Attila József benannt, und sein Geburtstag, der 11. April, ist in Ungarn seit 1964 der Tag der Poesie.

Bisher wurden Gedichte von Attila József von Schriftstellern wie Stefan Hermlin, Ernst Jandl oder Peter Hacks ins Deutsche übertragen, die aber auf Interlinearübersetzungen angewiesen waren. Mit der nun vorliegenden umfangreichen zweisprachigen Ausgabe des Zürcher Ammann-Verlags, die einen Querschnitt durch das gesamte Schaffen des Dichters vermittelt, unternahm Daniel Muth erstmals den schwierigen Versuch, das dichterische Werk direkt aus dem Ungarischen zu übersetzen.

DAS BUCH

Attila József: Szeretném, ha vadalmafa lennék. Ein wilder Apfelbaum will ich werden. Gedichte 1916-1937. Ungarisch und Deutsch. Aus dem Ungarischen übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Daniel Muth. Mit einem Vorwort von Ferenc Fejtő und einem Essay von György Dalos. Zürich: Ammann 2005. 504 S., 29.90 €.

Csaba Báthori, geb. 1956 in Mohács (Ungarn), studierte in Budapest Jura, 1981-1996 als Redakteur und Übersetzer in Österreich, danach wieder in Ungarn tätig. Er übersetzte Texte unter anderen von R. M. Rilke, T. Hughes, S. Beckett und aus dem Ungarischen von Zsófia Balla, Lajos Parti Nagy, Endre Kukorelly und anderen.

Mária Kelemen, geb. 1959 in Szombathely (Ungarn), studierte Hungarologie und Germanistik in Budapest und ist heute Lektorin für Ungarisch am Institut für Finnougristik/Uralistik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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BEVEZETŐ

Lidi nénémnek öccse itt,

Batu khán pesti rokona,

kenyéren élte éveit

s nem volt azúrkék paplana;

kinek verséért a halál

öles kondérban főz babot –

hejh burzsoá! Hejh proletár! –

én, József Attila, itt vagyok!

József Attila, 1927. máj.

EINFÜHRUNG

Bruder von Tante Lidi, sieh,

verwandt mit Batu Khan in Pest,

er lebte Jahr für Jahr vom Brot,

nicht im azurnen Daunenbett;

für dessen Gedichte der Tod

Bohnen kocht im Riesengeschirr –

Hei, Bourgeois! Hei, Proletarier! –

Ich, Attila József, ich bin hier!

Attila József, Mai 1927, übersetzt von Daniel Muth

Nach der Lesung laden wir zu einem Glas Wein ein.