Einladung

Dr. Krisztián Ungváry (Budapest): Die sozialpolitische Dimension der „Juden- und Schwabenfrage" im Ungarn der Zwischenkriegszeit

 

Zeit, Ort: Montag, 10. Juni 2002, 19.30 Uhr, Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft (IBZ), Amalienstraße 38, 80799 München, U 3 oder U 6 Universität

Moderation: Dr. Meinolf Arens (UIM)

Juden und Deutsche nahmen im Modernisierungsprozeß Ungarns seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle ein. Dabei gingen sie zahlreich in der ungarischen Nation auf, deren Führungsgruppen ihre Assimilierung bis 1918 zu den größten Erfolgen der eigenen Nationalstaatsideologie gezählt hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden aber beide Gruppen aus gern gesehenen Mitbewohnern zu unangenehmen Gästen des Staates. Namhafte Vertreter der ungarischen Intelligenz gaben Juden und „Schwaben", also Ungarndeutschen, die Schuld für die schlimmen sozialen Verhältnisse im Land. Das ungarische Element sei in der Minderheit und überall bedroht: In den Städten zehrten die Juden, in den Dörfern die Schwaben systematisch an den Existenzgrundlagen der Magyaren, so die Parolen der „völkischen" Autoren in den 1930er Jahren. Gleichzeitig entstanden die ersten bedeutenden soziologischen Studien über das Massenelend des Agrarproletariats, über die Armut der Fabrikarbeiter und über viele andere Mißstände der frühkapitalistischen Gesellschaft. Ihren Autoren (z. B. Géza Féja, Imre Kovács und Péter Veres) gebührt das Verdienst, die Aufmerksamkeit auf die katastrophale soziale Lage gelenkt zu haben. Viele von ihnen propagierten jedoch auch Lösungsvorschläge auf rassistischer Basis. Der Vortrag geht der Frage nach, inwieweit diese Feindbilder in der Gesellschaft bekannt und anerkannt waren. Wie verlief diese Debatte und wie beeinflußte sie die politische Elite des Landes? Wie unterschiedlich wurde die „Bedrohung" durch Juden und „Schwaben" beurteilt? Wie schlugen sich diese nationalen Vorurteile vor und nach 1945 in der Praxis nieder?

Dr. Ungváry (geboren 1969), Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956" in Budapest, ist derzeit als Stipendiat der Humboldt-Stiftung für einige Monate Gastwissenschaftler am Ungarischen Institut und am Institut für Zeitgeschichte (beide München). Er ist Verfasser zahlreicher Abhandlungen und publizistischer Artikel vor allem über die politische und militärische Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Seine ungarisch und deutsch mehrfach aufgelegte, demnächst auch auf Englisch erscheinende Doktorabeit handelt von der Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg (München 11999, 22001, Budapest 1998 drei Auflagen, 42001, London 2002). Seine Ausstellung über dasselbe Thema war bisher in Budapest und in Berlin zu sehen und soll bald auch in München gezeigt werden. Ungvárys kritische Berichte in deutschen Tageszeitungen (SZ, FAZ, Die Welt u. a.) über die „Wehrmachtausstellung" haben mit zu deren Schließung und Neukonzipierung beigetragen.

Weitere ausgewählte Publikationen: Sztálin és a háború [Stalin und der Krieg]. In: Hadtörténelmi közlemények 109 (1996) 2, 128-132; Szálasi Ferenc. In: Trianon és a magyar politikai gondolkodás, 1920-1953. Tanulmányok. Hg. Ignác Romsics. Budapest 1998, 117-133; A magyar megszállás Ukrajnában és Lengyelországban [Die ungarische Besetzung in der Ukraine und in Polen]. In: Nagy képes millenniumi hadtörténet. Budapest 1998, 403-408; Echte Bilder – Problematische Aussagen. Eine qualitative und quantitative Fotoanalyse der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 1999/10; Értelmiség és antiszemita közbeszéd [Intelligenz und Antisemitismus in der Alltagssprache]. In: Beszélő 2001/2, 74-92; Népírtás – kollaboráció – megtorlás. A Szovjetunió emberveszteségei 1941-1945 [Völkermord – Kollaboration – Vergeltung]. In: Évkönyv 2001. IX. Magyarország a jelenkorban. Budapest 2001, 131-146.