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„ungarnaufstand 1956. 50 fotografien von stefan moses"
Eine Führung von Zsolt K. Lengyel durch die
Ausstellung des
Literaturhauses München und des Ungarischen
Instituts München.
In Zusammenarbeit mit dem Münchner Stadtmuseum.
Mit freundlicher Unterstützung durch das
Ministerium für Bildung und Kultur, Budapest
Die Bedeutung eines Künstlers wird mitunter an
Überraschungen ersichtlich, die sein für längst erschlossen geglaubtes
Werk unerwartet preisgibt. Stefan Moses ist ein solcher Fotograf. Seine
Fotoreportage über den Ungarnaufstand 1956 war bisher selbst in München
nur wenigen bekannt. Diese Ausstellung ist das Ergebnis einer erbaulichen
Zusammenarbeit von Fotokunst und Geschichtswissenschaft. Sie zeigt aus
einem Bestand von rund 300 Aufnahmen 50 Fotos – eines für jedes Jahr,
das seit ihrer Entstehung vergangen ist.
Die ungarische Revolution von 1956 ist einer der
meistfotografierten militärischen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Im
intellektuellen und politischen Diskurs gilt sie trotz ihrer blutigen
Niederschlagung durch die sowjetischen Truppen als siegreich –
allerdings in zeitversetzter Auslegung. Denn erst nach 33 Jahren begann in
Ungarn die Umsetzung der meisten ihrer wesentlichen Forderungen.
Die Bilder von Stefan Moses setzen sich von der
Mehrheit der heutzutage bekannten visuellen Dokumentationen dieses Themas
auf zweierlei Weise merklich ab. Sie spiegeln nicht vornehmlich
militärische Vorgänge, sondern soziale Stimmungen und persönliche
Schicksale wider, die zumeist in Budapest den Waffeneinsätzen folgten.
Ihre zweite dramaturgische Besonderheit liegt darin, daß sie diese
Kernmomente zugleich vor neuen Kampfhandlungen einfingen, mit denen die
Aufständischen den Überlieferungen zufolge kaum mehr gerechnet hatten.
Der Fotograf dieser historischen Ruhe nach und vor dem
Sturm teilte den Veranstaltern mit, daß er seine Bilder „an 1nem tag
und in 1ner nacht gemacht" hat. An welchem Tag und in welcher Nacht,
ließ er offen. Ein genaues Datum ist aber wegen der dichten Ereigniskette
zwischen dem 23. Oktober und dem 4. November 1956 von gewisser Bedeutung
– und da es auch die Auswahl der Motive durch den damals 28jährigen
Moses zu erklären vermag, sollten wir beim Rundgang Anhaltspunkte für
seine nähere Bestimmung suchen. Dabei leisten die Unterschriften der
Bilder bzw. der Bildergruppen sowie die im Faltblatt abgedruckte Chronik
Orientierungshilfe.
Mädchen mit Hammer
Grundkennzeichen der auf Straßen oder Plätzen
gemachten Aufnahmen ist, daß ihre Hauptdarsteller Menschen sind. Der
Fotograf war so sehr auf Personen verschiedenen Alters und
unterschiedlicher sozialer Herkunft fixiert, daß er eine Besonderheit des
ersten Bildes „Mädchen mit Hammer" – laut eigener Aussage –
erst Jahrzehnte später bemerkte: nämlich den Hammer, den das Mädchen in
der linken Hand mitführte.
Einheit für Freiheit
Moses verstand es, sowohl die Aufmerksamkeit der
Bevölkerung auf sich zu ziehen als auch seinen eigenen Blick an den
Augenblicken des Geschehens zu schärfen. Selbst aus den Menschenmassen
blicken einige unmittelbar in seine Kamera. Und wenn die Menge
urplötzlich in Bewegung geriet, hielt er fest, wie die Alltagsgeschichte
des Aufstands gleichsam um die Ecke bog.
Das Schicksal des Stalin-Denkmals: der zweite Tod des sowjetischen
Diktators
Daß er all dies nach dem ersten Tag des Aufstands tun
mußte, belegen die Fotos vom Budapester Stalin-Denkmal, von dem nur noch
die Stiefel zu sehen sind. Der 1953 verstorbene sowjetische Diktator starb
einen zweiten Tod, als ihn die Demonstranten am Abend des 23. Oktober vom
Sockel stürzten.
Mátyás Rákosi auf dem Laternenpfahl: symbolische Abrechnung
Stalins überaus gelehriger Schüler, der ungarische
KP-Chef Mátyás Rákosi, hatte sich vor dem Aufstand in die Sowjetunion
abgesetzt. Die Abrechnung mit ihm mußte somit eine symbolische sein.
„Für ein unabhängiges Ungarn"
Das „unabhängige" Ungarn war eines der
Hauptziele der Revolution – und wurde als Losung auf Panzern der
ungarischen Streitkräfte gemalt, die sich im Laufe der ersten Woche der
Freiheitsbewegung anschlossen. Ein Teil der Aufnahmen dieser Themengruppe
entstand in der Üllői-Allee, auf einem der östlichen Zufahrtswege
sowjetischer Truppen unmittelbar nach dem Ausbruch der Revolution. Hier
bildeten sich bis Ende Oktober strategische Knotenpunkte des
militärischen Widerstands, den im Umfeld der Corvin-Passage und der
Kilián-Kaserne Nationalgardisten und reguläre Armee-Einheiten
entfalteten.
Brennende Vergangenheit
Sowjetische Propagandaliteratur und ungarischer
Staatssicherheitsdienst vergegenständlichten bzw. personifizierten die
verhaßte kommunistische Diktatur, die „brennende Vergangenheit".
Die Suche nach ihnen, so auch nach Geheimpolizisten in unterirdischen
Schächten, trieb die Empörung über mehrfache Gemetzel an unbewaffnete
Demonstranten an. Das Feuergefecht, das die Aufständischen teilweise mit
Urteilen des Volkszorns abschlossen, fand am 30. Oktober auf dem Platz der
Republik, vor der Budapester Parteizentrale der Kommunisten statt. Es muß
also eine Nacht im November gewesen sein, als Moses seine Spuren, die
menschlichen Überreste der gelynchten Opfer fotografierte.
Fahnen der Trauer und der Nation
Die Fahnen der Trauer und der Nation wehten am
Allerheiligen und nach dem 1. November eine Zeitlang noch zum Zeichen der
Siegeshoffnung vieler Menschen auf der Straße. Die ungarische Regierung
hatte bis dahin u. a. den Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest
sowie Verhandlungen über einen vollständigen Rückzug der
Besatzungskräfte aus Ungarn angekündigt, und zugleich den Austritt
Ungarns aus dem Warschauer Pakt sowie seine Neutralität verkündet.
Ringen um Parlament und Volksvertretung
Somit verlagerte sich ein Schwerpunkt der Freiheits-
und Unabhängigkeitsbewegung in das Parlament am Budapester Kossuth-Platz,
auf dem am 25. Oktober eine friedliche Großdemonstration in einem Blutbad
geendet hatte. Tage später machte Moses Aufnahmen aus dem „Blickwinkel"
der Löwenplastik vor dem Haupteingang des Parlaments, dessen
militärischen Schutz ungarische Einheiten versahen – noch mit dem am
Kanonenrohr aufgemalten historischen Wappen Ungarns.
Pressekonferenz im Parlament
In einem Sitzungszimmer des vermeintlich wieder „Hohen
Hauses" fand am Abend des 3. November eine internationale
Pressekonferenz unter Beteiligung zweier Staatsminister der ungarischen
Regierung statt. Zu gleicher Zeit verhandelte eine offizielle Abordnung
der ungarischen Regierung im sowjetischen Hauptquartier unweit von
Budapest über Einzelheiten des Truppenabzugs.
Ehrenkasse für die Revolution
An jenem 3. November, einem Samstag, war den Budapester
Bürgern der Spendenaufruf des ungarischen Schriftstellerverbandes bereits
bekannt. Er wurde am 2. November durch den Rundfunk verbreitet und hatte
auf Plakaten, die mit einem aufgeklebten Geldschein vor leeren
Munitionskisten hingen, folgenden Wortlaut: „Die Unbescholtenheit
unserer Revolution erlaubt es, für die Familien unserer Märtyrer auf
diese Weise zu sammeln".
Panem nostrum
Wie sehr Moses an der sozialen Dimension des
Ungarnaufstands interessiert war, zeigen auch seine Bilder über die
Verteilung des täglichen Brotes, die in den Tagen des Ausnahmezustands in
einer schichtenübergreifenden Solidarität organisiert wurde.
Die Kinder des Aufstands
Häufig suchte Moses die Nähe von Kindern. Er war
frisch verheiratet, hatte aber selbst keine Kinder. Ein Jahrzehnt später
gab er einen selbständigen Fotoband unter dem Titel „Manuel"
heraus, der von seinem Kind handelt. Es ist wohl nicht abwegig, diese
biographischen Faktoren bei der Betrachtung dieser Ausstellung mit zu
berücksichtigen.
Geistlicher Beistand in der Matthias-Kirche
Für die Leitfrage nach der Datierung, und damit der
motivischen Bewertung, bleiben aber die inneren Entwicklungen der
Revolution maßgeblich. Dabei tritt auch das Thema des geistlichen
Beistands zum Vorschein.
József Kardinal Mindszenty nach seiner Befreiung
Das Oberhaupt der katholischen Kirche Ungarns, József
Kardinal Mindszenty, war 1949 in einem Schauprozeß zu lebenslänglicher
Haft verurteilt worden, aus der ihn Aufständische am 30. Oktober
befreiten. Ihm blieben aber nur noch wenige Tage, die Geschehnisse
mitzugestalten. Einer seiner öffentlichen Auftritte war ein Gespräch mit
Journalisten, bei dem er um politische und wirtschaftliche Hilfe des
Westens bat. Es fand am 3. November statt: am Tage der Pressekonferenz im
Parlament und der Entsendung der Regierungsdelegation in das sowjetische
Hauptquartier – und wenige Stunden, bevor die ungarischen Unterhändler
inmitten der Gespräche der neuen Wirklichkeit, die sogleich auf das ganze
Ungarn hereinbrach, gewahr wurden: man hat sie verhaftet. In diesen
frühen Morgenstunden des 4. November begann die zweite und
verhängnisvolle sowjetische Offensive, der sich die Aufständischen nur
noch wenige Wochen entgegenzustellen vermochten.
Wege der Trauer – Abschied und Zuspruch
Diese Fotoreportage muß also hauptsächlich am 3.
November und in der Nacht zum 4. November entstanden sein. Gräber am
Straßenrand, Gedenken bei Kerzenlicht, Suche nach vermißten
Angehörigen, die brutale Gewißheit erbringt, einander tröstende Frauen
– Moses sah all dies bisweilen in Umgebungen von grotesker Wirkung, so
in einem provisorischen Leichenschauhaus zwei, an die Wand gelehnte
Ringkämpfer am Ende eines von offenen Särgen gesäumten Korridors, ein
Standbild aus Aluminium, das 1953 an der Straße der Jugend beim
Volksstadion aufgestellt worden war. Moses sah aber auch, daß in Budapest
bei aller Trauer und Wut über Tod und Zerstörung auch eine verhaltene
Zuversicht aufkam, ja, sogar stellenweise Freude über das Wagnis des
Widerstands gegenüber einer Weltmacht. Der Fotograph hatte die
einzigartige Gelegenheit, Helden zu begegnen, die hofften, bald in die
humane Normalität des Alltags zurückkehren zu können. Er tauchte in die
Atmosphäre eines gefühlten – vorgefühlten – Sieges mit hinein, von
dem sich wenige Stunden später herausstellte, daß er irgendwann, in
einer neuen weltpolitischen Lage, ein zweites Mal errungen werden muß.
Grenzerfahrungen
Das allgemeine inhaltliche Merkmal dieser Fotografien
ist, daß sie den Ungarnaufstand vor allem als menschliches Drama
darstellen. Da sie das in einem engen Zeitrahmen tun, wird die Gliederung
dieser Ausstellung von verschiedenen Formen der persönlichen
Befindlichkeiten bestimmt, die an mehreren Schauplätzen auch zeitgleich
angetroffen werden konnten. Das letzte Bild steht nach diesem thematisch,
weniger chronologisch entworfenen Drehbuch aber auch für einen zeitlichen
Abschluß. Wir sehen eine der ungezählt vielen Fluchtszenen, die auch das
Auto verewigt, in dem Stefan Moses seine Schmalfilm- und Rollfilmbilder
für diese späte, aber wohl nicht verspätete Entdeckung über die
Westgrenze Ungarns rettete. In wenigen Monaten nach der Niederschlagung
des Aufstands flohen rund 200.000 ungarische Staatsbürger, unter ihnen
sehr viele Intellektuelle, nach Österreich. Zahlreiche Flüchtlinge zogen
dann u. a. nach Bayern weiter, wo sie sich niederließen und ein neues,
bis heute nachwirkendes Kapitel deutsch-ungarischer Beziehungs- und
Integrationsgeschichte aufschlugen – in der Hoffnung auf jenen zweiten
Sieg des Aufstands, der 1989, am Vorabend und als einer der auslösenden
Faktoren der deutschen Wiedervereinigung, Ungarns Weg in die freiheitliche
Demokratie öffnete.
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