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K. Lengyel Zsolt
Bayern und Ungarn im 19. und 20. Jahrhundert
Ein beziehungsgeschichtlicher Abriß
Aus Anlaß der Bayerischen Landesausstellung
„Bayern und Ungarn. Tausend Jahre"
Passau, Oberhausmuseum, 8. Mai – 28. Oktober 2001.
1.
Bayern und Ungarn gerieten zur Mitte des 19.
Jahrhunderts in den Sog sozialer und nationaler Emanzipationsbestrebungen.
Nach den Märzrevolutionen des Jahres 1848 mußten sie sich mit
Streitfragen der rechtlichen Form und geographischen Gestalt der beiden
deutschen Großmächte Preußen und Österreich auseinandersetzen. Das süddeutsche
Königreich war 1815 dem vom Haus Habsburg geführten Deutschen Bund
beigetreten. Angesichts der Frankfurter Reichsverfassung vom März 1849,
die einen kleindeutschen Weg vorgewiesen hatte, war es eine Zeitlang noch
an der Vorstellung orientiert, dem preußischen Machtzuwachs an der Seite
des österreichischen Kaiserhauses entgegenzutreten. Für eine solche
Hilfestellung schien die Habsburgermonarchie zunächst schon deshalb
geeignet, weil sie nach dem Willen der Wiener Führung mit all ihren
deutsch und nichtdeutsch bewohnten Gebieten nach wie vor die Spitze eines
großdeutschen Staatenbundes einnehmen sollte. Doch mit der Auflösung des
Deutschen Bundes nach dem Krieg zwischen Preußen und Österreich, dessen
Auslöser der Konflikt um Schleswig-Holstein war, und der Gründung des
preußisch bestimmten Norddeutschen Bundes 1866/1867 trat Österreich endgültig
aus der weiteren deutschen Reichsentwicklung heraus. Bayern schloß sich
1870 dem Deutschen Reich unter Beibehaltung einiger Sonderrechte an. Vor
dem Hintergrund des preußisch-österreichischen Gegensatzes wird
einerseits verständlich, daß der königlich-bayerischen Führung in den
Wirren des Revolutionsjahres nicht daran gelegen war, durch eine Unterstützung
der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung die Habsburgerdynastie als
vermeintliche Bündnispartnerin gegen die Hohenzollern zu schwächen.
Andererseits läßt sich nachvollziehen, warum die ungarischen Liberalen während
der Beratungen des Frankfurter Parlaments die Hoffnung hegten, daß der
deutsche Einheitsgedanke unter Einschluß Österreichs siegen, somit
Ungarns Chancen zur Verselbständigung vergrößern würde.
Der Verlust der Vormachtstellung in der gesamtdeutschen
Politik zwang Österreich, seine Herrschaftsstrukturen im ostmittel- und südosteuropäischen
Vielvölkerraum neu zu ordnen. Dazu bedurfte es einer Einigung mit den Ländern
der heiligen Stephanskrone. Ungarn war seit dem frühen 18. Jahrhundert
ein selbständiger, aus der Wiener Hofburg mitregierter Teil des
Habsburgerreiches gewesen, wurde aber nach der militärischen Niederlage
im Freiheitskampf 1849 von der absolutistischen Regierung um Kaiser Franz
Joseph I. seiner staatlichen Souveränität enthoben. Achtzehn Jahre später
begannen Wien und Pest-Ofen in ihrem gegenseitigen Verhältnis wieder
jenes Grundprinzip anzuwenden, das dem Staatsverständnis der
Donaumonarchie vom frühen 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zugrunde
gelegen hatte: das der ungarischen Selbständigkeit innerhalb des
unteilbaren Gesamtreiches der Habsburger-Dynastie. Aufgrund des österreichisch-ungarischen
Ausgleichs von 1867 bildete Ungarn mit seinen Nebenländern Siebenbürgen
und Kroatien einen der beiden Teilstaaten der k. u. k. Monarchie. Es war
– über die Person des Herrschers hinaus – in Angelegenheiten des Äußeren,
der Finanzen und des Heeres mit Österreich verbunden.
2.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gliederten
sich also Ungarn und Bayern in Großstaaten ein, innerhalb derer sie über
Möglichkeiten zur eigenständigen Entwicklung verfügten. Diese
Parallelität ist nicht nur wegen der skizzierten Wechselwirkungen in den
nachrevolutionären Umgestaltungen bemerkenswert. Ihr unter dem
Gesichtspunkt dieser Landesausstellung auffälliges Merkmal ist, daß sie
auf ungarischer Seite von einer Bayerin mit herbeigeführt worden war. Aus
der Entstehungsgeschichte des österreichisch-ungarischen Dualismus ist nämlich
die Rolle der Herzogin Elisabeth in Bayern (1837-1898) nicht wegzudenken.
Sie entstammte einer Nebenlinie des Hauses Wittelsbach und war Cousine, ab
1854 auch Ehegattin Kaiser Franz Josephs I. von Österreich. Die schon
zeitgenössisch „Sisi" genannte neue Kaiserin des Habsburgerreiches
trat bald nach ihrer Eheschließung persönlich für die Entkrampfung des
österreichisch-ungarischen Verhältnisses ein. Getragen war diese Bemühung
von einer offenkundig aufrichtigen Zuneigung für die Magyaren und ihr
Land – und für eine der männlichen Schlüsselfiguren unter den
ungarischen Ausgleichsförderern, den Grafen Gyula Andrássy (1823-1890),
der im Jahr des Ausgleichs das Amt des Ministerpräsidenten Ungarns übernehmen
und von 1871 bis 1879 die Geschicke seines Landes als Außenminister des
Doppelstaates mit lenken sollte. Sisi formte ihre politische Anschauung
aus den Kenntnissen über die Geschichte des Habsburgerreiches, die sie
von ihrem Privatlehrer im elterlichen Haus, dem ungarischen Historiker János
Graf Mailáth (1786-1855), durchaus im ungarischen Sinne erworben hatte.
Sie beließ es aber nicht dabei, den Dialog zwischen maßgeblichen
Vertretern der Staatsspitze und des Kronlandes durch informelle
Vermittlungsaktionen einzufädeln und dabei die ungarischen Wünsche
allerhöchster Aufmerksamkeit zu empfehlen. Ihre entsprechenden Ansichten
trug sie auch in ihrer Lebensweise zur Schau. In den frühen 1860er Jahren
erlernte sie die Sprache ihrer ungarischen Untertanen, die sie dann auch
in ihrer privaten Korrespondenz zu gebrauchen pflegte. Mit ihrer betont
ungarnfreundlichen Haltung erregte sie ein ums andere Mal den Mißmut von
Hof und Höflingen, so auch den ihrer Schwiegermutter Erzherzogin Sophie,
einer Schwester ihrer Mutter. Die beiden bayerischen Hochadligen prägten
in der österreichischen Kaiserstadt gerade auch in der ungarischen Frage
unterschiedliche Auffassungen, wobei Elisabeth ihren Gemahl zunehmend dem
Einfluß Sophies zu entziehen wußte. Mit diesem innerfamiliären
Stimmungswechsel schuf sie eine der wichtigsten atmosphärischen
Voraussetzungen für den österreichisch-ungarischen Ausgleich. Die Würde
einer Königin Ungarns erhielt sie, als die heilige Stephanskrone ihrem
Gemahl am 8. Juni 1867 in Ofen aufs Haupt gesetzt und danach, wie es der
Brauch vorschrieb, ihr über die rechte Schulter gehalten wurde.
Das Schloß Gödöllő, eine Schenkung der ungarischen
Nation an das gekrönte Herrscherpaar, gehörte zu den bevorzugten
Aufenthaltsorten Elisabeths. Heute beherbergt es ein mit persönlichen
Nachlaßstücken eingerichtetes Museum zu Ehren der Kaiserin-Königin, die
zeitgenössische Wahrnehmungen schon vor ihrem tragischen Tod – sie
wurde am 10. September 1898 in Genf von einem italienischen Anarchisten
auf offener Straße erstochen – zu den beliebtesten Persönlichkeiten
Ungarns zählten. Sisis Wirken beweist, daß in bestimmten historischen
Situationen innere Überzeugung und persönliche Ausstrahlung zu einem
Machtfaktor zu werden vermögen. In ihrem Falle taten sie das auf eine
heilvolle Art. Die ungarische Nachwelt dankt dafür heute noch mit einer
maßvoll beständigen Verehrung ihrer Person.
3.
Die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie und das
wilhelminische Deutschland gehörten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
einem politisch-militärischen Bündnissystem in Europa an, das in
radikalen Zeiten ungarischen Nationalismus und deutschen Militarismus
zusammenführte. Aus ihm gingen, während auf dem Kontinent vielerorts die
Gewaltbereitschaft anstieg, die Mittelmächte – und Verlierer – des
Ersten Weltkriegs hervor. Aus den unmittelbaren bayerisch-ungarischen
Kontakten jener Epoche ist dem historischen Gedächtnis dennoch nicht
vornehmlich eine Welt des Verderbens, sondern vielmehr eine des Gründergeistes
und Aufbauwillens überliefert. Denn das Machtbewußtsein in den Führungsschichten
der beiden Länder war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von
Bildungsidealen durchdrungen. Auf wirtschaftlichen Wohlstand gegründet,
trieb es München und Budapest an, zu Orten hohen ästhetischen Anspruchs
aufzusteigen. In diesem Ehrgeiz lag eine Voraussetzung für den
beiderseitigen Kunstaustausch, dem die verhältnismäßig hohe physische
Mobilität seiner Träger zugute kam.
Der Reiseverkehr zwischen Bayern und Ungarn führte von
1848 bis 1918 häufig zu Aufenthalten im jeweiligen Gastland, die aus
verschiedensten Beweggründen heraus unterschiedlichste Ziele verfolgten.
Dieses beziehungsgeschichtliche Kapitel wird nach einer systematischen
Aufbereitung seines Quellenmaterials mindestens über verwandtschaftliche
Verknüpfungen zwischen Adelshäusern – die in beiden Richtungen
Ansiedlungen und Besitzerwerbungen zur Folge hatten –, über bayerische
Persönlichkeiten im Wirtschaftsleben Ungarns und nicht zuletzt über
Gastspiele oder Studien- und Forschungsaufenthalte von Musikern und
Schauspielern, von Schriftstellern, Politikern, Wissenschaftlern und
bildenden Künstlern hier wie dort berichten müssen. Im Blick auf
Baukunst und Malerei zeigt sich exemplarisch, daß München im Mittelpunkt
bayerisch-ungarischer Kulturkooperation Einflüsse sowohl ausstrahlte als
auch annahm.
Gyula Benczúr (1844-1920), Sándor Liezen-Mayer
(1839-1898) und Sándor Wagner (1838-1919) waren die ersten bedeutenden
Maler ungarischer Nationalität, die sich ab den 1860er Jahren – zunächst
als Schüler, dann als Lehrer an der königlich-bayerischen Kunstakademie
– vom Historismus der Schule Karl Pilotys anziehen ließen und ihn nach
Ungarn vermittelten. Bemerkenswerterweise löste sich die nächste Gruppe
erstrangiger ungarischer Maler in der Residenztadt aus der Tradition des
Akademismus und ging zur Freilichtmalerei – mit starken Neigungen zum
Impressionismus – über. Die Isarstadt wurde in den letzten zwei
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zur Drehscheibe einer ungarisch
initiierten, aber über ethnische und staatliche Grenzen hinweggreifenden
Kunsterneuerung: die international besuchte private Schule von Simon Hollósy
(1857-1918) hatte einen ihrer Anlaufpunkte nicht nur im Atelier des
Meisters in der Schwabinger Siegfriedstraße 5, sondern bald auch im
nordostungarischen Bergwerksstädtchen Nagybánya (Frauenbach, heute Baia
Mare in Rumänien), wo die experimentierfreudigen und
landschaftsverliebten Künstler die Sommermonate verbrachten; im Winter
kehrten sie nach München zurück.
4.
Epochengleich mit den Wechselwirkungen in der Malerei
– und teilweise von diesen ermuntert – fand auch in der Baukunst ein
bayerisch-ungarischer Austausch statt. Er war nach Art und Richtung der
Inspiration gleichfalls zweidimensional. Anfänglich lag der Schwerpunkt
auf der Neorenaissance, die in erster Linie Lajos Rauscher (1845-1914)
nach seiner Ausbildung an der Münchener Technischen Hochschule ab Ende
der 1870er Jahre in Ungarn einzubürgern half. Kaum ein Jahrzehnt später
stand die Münchener Architektur schon im Zeichen deutlicher Vorlieben für
den Neobarock, der etwa über Aladár Géza Kármán (1871-1939) bis zur
Jahrhundertwende in die nationale Baukunstform Ungarns einfloß. Für den
Umstand, daß die bayerisch-ungarischen Architekturbeziehungen der
damaligen Jahrhundertwende auch westwärts nachhaltige stilistische
Impulse erlebten, sorgten hauptsächlich Ödön Lechner (1845-1914) und
sein Schüler Ferenc Popp (1870-1928) sowie Ferenc Nyilas (1864-?). Dieser
Trias verdanken heutige Spaziergänger in einigen Münchener Stadtvierteln
den Anblick von – ursprünglich für Mietshauszwecke entworfenen – Gebäuden,
die mit ihren floralen Verzierungen die Übernahme volkskunstgeprägten
ungarischen Jugendstils aus Ungarn nach Bayern bezeugen. Nyilas hielt sich
bei diesem Transfer betont an wienerische Motive. So lieferte er den
symbolhaften Nachweis dafür, daß im Verhältnis der geographisch
voneinander entfernten Nachbarn Bayern und Ungarn das Zwischenland Österreich,
wie seit dem Hochmittelalter so häufig, nicht zu umgehen war.
5.
Die bayerisch-ungarischen Beziehungen setzten sich nach
dem Ersten Weltkrieg unter grundlegend neuen politischen Rahmenbedingungen
fort. Die Großstaaten, denen die beiden Königreiche seit dem letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts angehört hatten, brachen zusammen, die
Throne der Wittelsbacher und der Habsburger stürzten. Nach der Ausrufung
der Republik in Budapest und in München im November 1918 erlangten in den
beiden Hauptstädten linksradikale Regierungen die Macht: die ungarische
im März, die bayerische im April 1919. Nach diesen – außerhalb der
Sowjetunion – ersten und binnen Wochen gescheiterten Versuchen,
bolschewistische Rätesysteme einzurichten, wurde Ungarn wieder zur
parlamentarischen Monarchie, in der allerdings der Thron aus innen- und außenpolitischen
Gründen unbesetzt blieb und die bei restaurativen Rückgriffen auf
Vorkriegsstrukturen eine beschränkte öffentliche Meinungsvielfalt mit
Freiräumen für oppositionelle Strömungen zuließ. Bayern trat
gleichzeitig beherzter in eine demokratische Ära ein – zeitweise fanden
in München linksliberale Gegner der konservativen Budapester Regierung
verlegerische Hilfe bei der Publikation ihrer politischen Schriften. Doch
der Freistaat mußte auch mit ansehen, wie sich seine Entwicklungsbahn im
politisch-rechtlich labilen Föderalismus der Weimarer Republik zusehends
verengte. Nach der Errichtung des Dritten Reiches 1933 verlor er im Zuge
der Gleichschaltung der Länder die letzten Reste seiner Eigenständigkeit.
Angesichts der schon seit der frühen
Zwischenkriegszeit starken zentralistischen Tendenz der deutschen Politik
verwundert es nicht, daß sich der ungarischen Sicht des süddeutschen
Landes eine gesamtdeutsche Optik aufdrängte. Gleichwohl trat kein
Stillstand in den bayerisch-ungarischen Kontakten ein. So zog die Münchener
Akademie der Bildenden Künste in den zwanziger und dreißiger Jahren
weiterhin Studenten aus Ungarn an und hielt diese traditionsreiche Art des
Künstleraustausches bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aufrecht. Von den
politischen Ereignissen nicht gänzlich losgelöst, jedoch eher familien-
sowie sozial- und wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswert ist die
Verbindungsfunktion der mehrere Tausend Hektar großen bayerisch-königlichen
Wälder von Sárvár mit einem im 16. Jahrhundert erbauten und im 19.
Jahrhundert erweiterten Schloß. Dieses Anwesen im heutigen
transdanubischen Komitat Vas (Eisenburg) war am Ende der 1860er Jahre in
wittelsbachischen Besitz gelangt und blieb danach über Epochengrenzen
hinweg wichtiger Zielpunkt der Familie in Ungarn. In der Geschichte des
ungarländischen Forstwirtschaftswesens zeichnet es sich durch fachlich
anspruchsvolle Betriebsweise aus. Ludwig III. (1845-1921), der letzte
bayerische König, zog sich 1921 auf dieses Landgut zurück, wo er im
gleichen Jahr verstarb.
6.
Die frühe Parallelität der Bemühung um eine jeweils
demokratische Konsolidierung wurde in den dreißiger Jahren durch eine
weitere Analogie abgelöst, nämlich durch die etwa zeitgleiche Hinwendung
Deutschlands und Ungarns zum politischen Radikalismus. Die Auffassung,
durch die Friedensverträge 1919/1920 zu Unrecht benachteiligt worden zu
sein, war vom Beginn der Zwischenkriegszeit an in allen gesellschaftlichen
Schichten der beiden Staaten tief eingewurzelt. Diesen beiden
Verlierernationen des Ersten Weltkriegs stellte sich die kleinstaatliche
Neuordnung Europas als ein Siegerdiktat dar, das auf beiden Seiten als
Ursache für schwerwiegende ökonomische Anpassungsschwierigkeiten galt
und außerdem das Unrechtsbewußtsein darüber nährte, daß Millionen
Landsleuten das nationale Selbstbestimmungsrecht vorenthalten worden war.
Ungarn hatte etwa zwei Drittel seines Gebiets und seiner Bevölkerung an
die Nachbarstaaten verloren, und die Deutschen waren mit über sieben
Millionen die größte Minderheitsgemeinschaft in Europa. Die Frage der außerhalb
ihrer Mutterstaaten lebenden Deutschen und Magyaren wurde um so leichter
zum Element des Versuchs zur nachträglichen Korrektur der Friedensschlüsse,
je ungelöster das Minderheitenproblem in den jeweiligen Heimatstaaten
schien. Berlin und Budapest steuerten so auf eine gemeinsame außenpolitische
Plattform zu. Nachdem die Weltwirtschaftskrise die innenpolitischen
Konflikte verschärft und damit den Weg zur nationalsozialistischen
Machtergreifung beziehungsweise – in Ungarn – zur weiteren autoritären
Ausprägung des politischen Systems bereitet hatte, nahmen die beiden
Revisionismen im Einsatz gegen das bestehende Staatensystem immer offener
auch militärische Optionen in Kauf. Eines der verhängnisvollen
Ergebnisse dieser Fehlentwicklung war die Waffenbruderschaft Deutschlands
und Ungarns im Zweiten Weltkrieg.
7.
Auf die gemeinsame Erfahrung mit einem totalitären und
einem autoritären Regierungssystem folgte für Bayern und Ungarn über
vier Jahrzehnte hindurch die getrennte Teilnahme an unterschiedlichen
Gesellschaftsordnungen. Ungarn, das seine 1938-1941 militärisch-diplomatisch
hinzugewonnenen Territorien abtreten mußte, glitt am Ende der 1940er
Jahre wieder in eine Diktatur ab, diesmal in diejenige der aus Moskau
gelenkten kommunistischen Einparteienherrschaft. Währenddessen fügte
sich Bayern mit der Bundesrepublik Deutschland in das freiheitliche System
der parlamentarischen Demokratie ein. In der bipolaren Weltordnung des
Kalten Krieges standen sich die beiden Staaten mißtrauisch, zuweilen
feindlich gegenüber; erst 1973 nahmen die Bundesrepublik Deutschland und
die Volksrepublik Ungarn diplomatische Beziehungen zueinander auf.
Der ideologisch-militärische Gegensatz zwischen dem
westlichen und dem östlichen Machtblock förderte in der
deutsch-ungarischen Wechselbetrachtung die Entstehung sowohl positiver als
auch negativer Klischees. In das Bild vom „bösen" Kapitalisten,
mithin Westdeutschen, baute die parteiische Presse Ungarns in den fünfziger
und sechziger Jahren auch bayerische Elemente ein. Solche Propaganda war
aber auf längere Sicht wirkungslos gegen Erlebnisse wie sie die Münchener
Sommerolympiade 1972 wenigstens an Fernsehbildschirmen bot und dabei die
Realität Bayerns vielen Magyaren erstmals und sogleich in hellem Licht näherbrachte.
Auf der anderen Seite wirkten bundesdeutsche Unterhaltungsmedien einer
allzu tagesideologischen Wahrnehmung ungarischer Themen entgegen. Filme
wie „Ich denke oft an Piroschka" oder „Sissi. Die junge
Kaiserin" lenkten – bei all ihrer verklärenden Romantik – ein überaus
lebhaftes und gutwilliges Publikumsinteresse auf Land, Volk und Geschichte
der Magyaren. Für die trotz ideologischer Gegnerschaft günstige
Entwicklung des Ungarnbildes in der westdeutschen Öffentlichkeit sorgten
auch sportliche Spitzenleistungen wie die der „goldenen" Fußballnationalmannschaft
Ungarns, die bei der Weltmeisterschaft 1954 die deutsche Mannschaft
zweimal auf die Probe stellte und ihr nur einmal, allerdings im Finale,
unglücklich unterlag.
8.
Als ein besonderes beziehungsgeschichtliches Merkmal
bildete sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kontaktebene zwischen Bayern
als asylgebendem Land und Personen ungarischer Nationalität
beziehungsweise Staatsbürgerschaft heraus, die ihr Geburtsland aus
politischen Gründen verlassen mußten oder wollten. Unter ihnen befanden
sich die ab Januar 1946 auf Anordnung der Alliierten Kontrollkommission
und unter Mitwirkung der ungarischen Regierung in die amerikanische
Besatzungszone Deutschlands, also auch nach Bayern vertriebenen
Ungarndeutschen. Die erste größere Flüchtlingswelle war bereits durch
die drohende militärische Niederlage Ungarns 1944/1945 ausgelöst worden,
die zweite rollte nach der kommunistischen Machtübernahme 1947/1948 an.
Ein Teil des ungarischen Exils scharte sich um ehemalige Offiziere, ein
anderer um bürgerliche Politiker und Intellektuelle. Gemeinsam war diesen
Strömungen die Hoffnung auf die Rückkehr in ein wieder freies Ungarn.
Ihre soziale Eingliederung und kulturelle Organisationsarbeit maß sich an
dem Anspruch, das kommunistische Regime in der Heimat aus der Ferne zu bekämpfen.
Seit 1951 erhielten zahlreiche Anhänger dieser Zielsetzung in der
amerikanischen Rundfunkanstalt Radio Freies Europa inmitten Münchens, im
Englischen Garten, die Möglichkeit, über die journalistische Behandlung
politischer Zustände hinaus das Werk in der Heimat verfolgter oder
ausgewanderter ungarischer Belletristen, Literaturkritiker und Gelehrter
verschiedener Fachdisziplinen zu pflegen und zu verbreiten. Diese
Doppelfunktion sollte der Sender, im wesentlich an den Zeitläuften
jenseits des Eisernen Vorhangs ausgerichtet, bis zu seiner Schließung im
Jahre 1993 erfüllen.
Nach dem niedergeschlagenen ungarischen Aufstand von
1956 stärkte die dritte wellenartige Flüchtlingsbewegung die ungarische
Präsenz in Bayern. Der hohe Anteil an Intellektuellen unter den Neuankömmlingen
und die aufkeimende Erkenntnis, daß den politischen Einflußmöglichkeiten
des Exils engste Grenzen gesetzt sind, gehörten zu jenen Faktoren, die
das Selbstverständnis der ungarischen Gemeinschaft in Bayern – wie auch
vieler Schicksalsgenossen anderswo in der westlichen Welt – einem zwar
langsamen, aber langfristig entscheidenden Wandel unterwarfen. Es begannen
sich Strukturen einer Diaspora herauszubilden, deren Mitglieder allmählich
aufhörten, ihren Aufenthalt im Ausland für vorübergehend zu erachten.
Diese Ernüchterung öffnete den Weg von Bayern als Land zeitweiliger
Zuflucht hin zu einem Bayern als lebenslanger Wahlheimat von Magyaren, die
gesellschaftlich mehrfach gegliedert, im kulturellen und Bildungssektor
sowie im kirchlich-sozialen Bereich organisiert, dabei aber beruflich, über
Mischehen und nicht zuletzt sprachlich-mental in das deutsche Umfeld
integriert sind. Die exilorganisatorischen Grundlagen dieser
ungarisch-bayerischen Doppelbindung bildeten selbst finanzierte, teilweise
aus Mitteln bayerischer staatlicher oder kirchlicher Stellen unterstützte
Institutionen wie das Ungarische Gymnasium im oberpfälzischen Kastl, die
Münchener Periodika belletristischer, kulturpolitischer, politischer,
wissenschaftlicher oder religiöser Ausrichtung ,Új Látóhatár’
(Neuer Horizont), ,Mérleg’ (Die Waage), ,Életünk’ (Unser Leben) und
,Nemzetőr’ (Donaubote und weitere fremdsprachige Ausgaben), die
Ungarischsprachige Katholische Mission und die Evangelisch-Reformierte
Kirchengemeinde Ungarischer Sprache (beide in der Landeshauptstadt) sowie
ebendort die Bildungsvereine Bewegung Katholischer Intellektueller/Pax
Romana und Széchenyi-Kreis. Die Mehrheit dieser Vereinigungen setzte ihre
Tätigkeit nach dem politischen Umbruch in Ungarn schon deshalb fort, weil
in ihren Zielgruppen der Anteil an Rückwanderern äußerst gering
geblieben ist.
9.
Die landläufige Meinung, daß die aufmüpfig-revolutionären
Magyaren ein freiheitsliebendes Volk seien, geht in hohem Maße auf die
internationalen Solidaritätsbekundungen für den Aufstand von 1956 zurück,
sie wäre aber ohne die Ereignisse im Spätsommer des Jahres 1989 womöglich
schon verblaßt. Ungarn trug damals mit der risikoreichen Öffnung seiner
Westgrenze zum Fall des Eisernen Vorhangs bei und setzte gleichzeitig zum
Abbau seines Einparteiensystems an. Damit brachte es seine Liebe für die
eigene Freiheit, aber auch für diejenige anderer Nationen zum Ausdruck.
Die ersten Schritte des ungarischen Systemwandels spielten im Vorlauf zum
Sturz des SED-Regimes in der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung eine
entscheidende Rolle. Mit ihnen fing Budapest an, aus dem sowjetischen
Hegemoniebereich auszuscheren und neue, lebendige Partnerschaften mit
nahen und entfernteren Nachbarn aufzubauen.
In seinen internationalen Beziehungen westlicher
Richtung orientiert sich Ungarn seit den frühen 1990er Jahren, wie in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, an Deutschland, das dieser Annäherung
mit deutlichem Wohlwollen begegnet. Beide Seiten verhalten sich – und
insofern bleibt die Wiederkehr der Geschichte aus – grundsätzlich und
beständig im Sinne demokratisch-pluralistischer Vorgaben. Entsprechend
der föderalistischen Staatsform Deutschlands verhandelt die ungarische
Regierung ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Anliegen
nicht nur mit der Bundesregierung, sondern regelmäßig auch mit einzelnen
Landesregierungen. Dabei nimmt Bayern mit seinem Einsatz für offene und
pluralistische Demokratien in Ost-, Mittel- und Südosteuropa einen
hervorragenden Platz ein. Gemeinsame Interessen erwachsen in diesem
zwischenstaatlichen Rahmen dem beiderseitigen Wunsch, in der Architektur
eines neuen Europa die überstaatlichen, nationalen und regionalen Ebenen
miteinander zu harmonisieren und dabei ausdrücklich auch die Rechte der
nationalen Minderheiten nach gültigen und einvernehmlich festzulegenden
Normen zu sichern.
Diese bayerisch-ungarische Partnerschaft erhielt im
Zuge des ungarischen NATO-Beitritts 1999 neue Impulse und führt neuestens
die Frage des Beitritts Ungarns zur Europäischen Union auf der Liste
ihrer wichtigsten Themen. Sie erschöpft sich aber nicht in
regierungsamtlicher Diplomatie. Auch beschränkt sie sich keineswegs auf
den ökonomischen Bereich mit derzeit rund 1500 gemeinschaftlichen
Unternehmen. Ihre neue Qualität zeigt sich gerade auf dem bereits recht
weiten, aber noch erweiterungsfähigen Feld von gesellschaftlichen,
kulturellen und wissenschaftlichen Kooperationen, die das Klischeehafte
aus der gegenseitigen Beurteilung zu verdrängen versprechen.
Ende 2000 spiegelte sich in den Aktivitäten
zahlreicher Bürgerinitiativen auf Vereinsebene sowie von 126 Schul-, 29
Städte- und 12 Universitätspartnerschaften das Bestreben, den
bayerisch-ungarischen Austausch bedarfsorientiert zu pflegen und die
entsprechende Nachfrage individuell zu bedienen. Einer besonderen Form der
grenzüberschreitenden Zusammenarbeit haben sich nach jahrelangen
Vorbereitungen das Ungarische Gymnasium im oberpfälzischen Kastl und das
wissenschaftlich-kulturelle Ungarische Institut in München verschrieben:
Als gemischtfinanzierte Einrichtungen stimmen sie bayerische und
ungarische Ansprüche und Erwartungen aufeinander ab. Ähnliches
geschieht, um nur noch ein womöglich zukunftsweisendes Projekt anzuführen,
in dieser Landesausstellung – mit dem Unterschied, daß sie in einem
zeitlich begrenzten Rahmen stattfindet. Gerade deswegen sollte die
Genugtuung darüber, daß sie zustande gekommen ist, zugleich Ansporn
sein, bald wieder nach einem begegnungsreichen Vorhaben zu suchen, das
beide Seiten zu erbauen vermag.
Auswahlschrifttum
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