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Zsolt K. Lengyel, München
Hungarologie als interdisziplinäre Regionalwissenschaft
Betrachtungen zu ihren Forschungs- und Lehrzielen im Rahmen
der deutschsprachigen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropakunde
Vortrag gehalten auf dem vom Ungarischen Institut München
veranstalteten Kolloquium
„Hungaricum in Bayern. Entwürfe einer interdisziplinären und überregionalen
Forschungs- und Lehrkonzeption für Ungarn-Studien“, München,
Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft, 5. Mai 2004,
sowie
– aktualisiert und in ungarischer Sprache – im Europa-Institut,
Budapest, 12. April 2005.
Die deutsche Fassung wurde veröffentlicht in: Begegnungen. Schriftenreihe
des Europa Institutes Budapest 26:
Der Österreichische Staatsvertrag 1955. Hg. Ferenc Glatz. Budapest 2006,
151-158.
Die mit Quellen- und Literaturhinweisen versehene Langfassung ist in
ungarischer Sprache erschienen:
A hungarológia mint interdiszcip lináris és regionális tudomány.
Korszerűsítésének kutatás- és oktatásügyi szempontjai a német
nyelvű Kelet-, Kelet- Közép- és Délkelet-Európa-tanulmányok keretében.
In: Századok 139 (2005) 1011- 1024.
I. Konzeptionelles Selbstverständnis: die Verschiedenartigkeit der
Ausgangspunkte, Vorgehensweisen und Zielgebiete
Die Konzeption einer „Hungarologie" wurde im
ersten Viertel des 20. Jahrhunderts inhaltlich und organisatorisch am
Ungarischen Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin erstmals
ausgeprägt. Als graduales und postgraduales Bildungsprogramm sah sie eine
fächer- und raumübergreifende wissenschaftliche Ungarnkunde außerhalb
Ungarns und mit stetigen Bezügen zu nichtungarischen Themen vor.
Interdisziplinarität, Überregionalität und Internationalität gehörten
zu ihren wesensbestimmenden Merkmalen. Vor rund dreißig Jahren begann
sich jedoch eine betont ungarnbezogene, literatur- und
sprachwissenschaftliche sowie ethnographische Auslegung der Konzeption
herauszubilden. Heute kennzeichnet sie vor allem Fachvertreter in Ungarn
und in den Reihen der ungarischen Minderheiten.
Wenn es folglich richtig ist, für die Hungarologie von
einem westlichen und einem ungarländischen bzw. ostmitteleuropäischen
Definitionstyp zu sprechen, so vertritt das UIM den „westlichen"
– aber nicht ursächlich deshalb, weil es sich im Westen befindet. Bei
seiner Gründung vor 42 Jahren hat es sich in die Tradition der breiten
Aufgabenbestimmung gestellt, die es seither zeitgemäß fortzuführen
bestrebt ist. Es folgt dem Anspruch, Ungarn als Staat und Nation
einerseits immer auch von seinen Nachbarn aus, andererseits nie aus nur
einer Bewertungsperspektive zu betrachten. Demnach müssen Ungarn-Studien
stets Impulse der Außensicht und der Methodenvielfalt annehmen. Sie müssen
aber zugleich in der Lage sein, aus den Quellen auch Innensichten zu
entwickeln. Aus diesem konzeptionellen Selbstverständnis folgt die
allgemeine Grundaufgabe, unterschiedliche Ausgangspunkte anzusetzen,
verschiedene Vorgehensweisen zu wählen und den Blick auf mehrere
Zielgebiete zu richten. Mit diesem Gemisch von Anforderungen wappnet sich
die Hungarologie dreifach mit einem weiten Horizont, der unerläßlich
ist, wenn sie sich als interdisziplinäre Regionalwissenschaft betätigen
will.
II. Wissenschaftsorganisatorische Zielsetzung: Modernisierung der
Hungarologie und Bereicherung der Ost-, Mittel- und Südosteuropakunde
Die Entscheidung, das UIM bereits in seinen Anfängen
einer fächer- und raumübergreifenden wissenschaftlichen Ungarnkunde zu
verpflichten, stützte sich auf das Hauptargument, daß die universitäre
und außeruniversitäre Wissenschaftlichkeit westlich von Ungarn seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges Regionaldisziplinen Vorrang einräume, deren
Zugang zum Reichtum der historischen Überlieferungen nichtslawischer Völker
im Osten Europas anlagenbedingt verengt, bisweilen sogar verwehrt sei.
Dieser Befund hat seinen Wahrheitsgehalt über die Jahre bewahrt. Die jüngste
statistische Erhebung des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und
-historiker belegt in Deutschland Arbeitsschwerpunkte mit thematisch
slawischem bzw. slawistischem Hintergrund. Im außeruniversitären
Forschungsbereich ostwissenschaftlicher Ausrichtung werden ungarische
Themen zwar vergleichsweise häufiger und eher nichtphilologisch, aber bei
weitem nicht kontinuierlich berücksichtigt, und zwar mit Schwergewicht
auf politologische Fragestellungen. Mit der Einfügung der breitgefaßten
Hungarologie in die wissenschaftliche Ost-, Mittel- und Südosteuropakunde
wäre also eine Lücke im deutschlandweiten Forschungs- und Lehrangebot
gefüllt.
Ein weiteres Element dieses Angliederungsangebots drängt
sich aus den Binnenstrukturen des hier unmittelbar betroffenen
Arbeitsgebietes auf. Das Profil der Hungarologie, wie sie von der
ungarischen Wissenschaftspolitik der späten 1970er Jahre mit einer bis in
unsere Tage andauernden Gültigkeit konzipiert wurde, läßt mit seinen
philologisch-ethnographischen Zielsetzungen arbeitsteilige Ausbreitungen
auf andere Fächer der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften selten zu.
Viele seiner Anhänger begreifen und betreiben die Hungarologie heute noch
als Fach der Fremdsprache Ungarisch. Diese einseitige Festbindung der
Hungarologie zu lockern, ist deshalb das zweite wissenschaftsorganisatorische
Ziel der Hungarologie, von der hier die Rede ist.
III. Beziehungsgeschichtliches Grundprofil: Motive, Strukturen und Abläufe
von innerstaatlichen sowie grenzüberschreitenden Integrationen und
Desintegrationen mit ungarischer Beteiligung
Ein mit Forschungs- und Lehrfunktionen ausgestattetes
Hungaricum in Bayern hätte also eine doppelte Modernisierungsaufgabe zu
bewältigen. Zum einen könnte die nach Sichtweisen, Methoden und Themen
vielschichtige Konzeption die bisher vereinzelten Versuche zur innovativen
Selbstgestaltung der Hungarologie fortführen. Zum anderen würde sie die
deutsche Ost-, Mittel- und Südosteuropakunde in multidisziplinärer Form
und als noch weiter aufzufassende Regionalwissenschaft mitgestalten.
Auf diesem Kolloquium stehen die wissenschaftlichen
Grundlagen dieser Initiative mit den Optionen Selbstgestaltung und Mitgestaltung
im Vordergrund. Deshalb werden wir mit Herrn Arens einige inhaltliche
Aspekte für den Entwurf eines Hungaricum vertiefen, und zwar im Hinblick
auf die beiden Kardinalerwartungen an die Hungarologie, die
Interdisziplinarität und die Überregionalität.
Was vermag verschiedene Disziplinen und
unterschiedliche Untersuchungsräume miteinander zu verbinden? Die
stabilste Klammer ist die gut formulierte und bearbeitungsfähige
Forschungsfrage.
Eine dieser Forschungsfragen entspringt für das UIM
dem eigenen konzeptionellen Selbstverständnis. Sie bezieht sich auf
Motive, Strukturen und Abläufe von innerstaatlichen sowie grenzüberschreitenden
Integrationen und Desintegrationen mit ungarischer Beteiligung. Anders
gewendet: auf die Beziehungsgeschichten in, mit und um Ungarn von den
staatlichen Anfängen, über das mittelalterliche und habsburgerzeitliche
Stephansreich bis in die Epoche der Nationalstaaten. Der sachliche
Schwerpunkt der Beziehungsgeschichte umfaßt u. a. auch Literaturen, Künste,
Sprachen, Konfessionen, Wirtschaftsräume und Sozialordnungen –
Faktoren, die gemeinsam oder einzeln, mehr oder minder tief in die
Kontakte zwischen nationalen Minderheiten und staatsbildenden Mehrheiten
hineinwirken. Im Vordergrund stehen die deutsch-ungarischen, österreichisch-ungarischen,
rumänisch-ungarischen und slawisch-ungarischen Verbindungen auf
staatlicher, staatenübergreifender und unterstaatlicher Ebene.
Die Beziehungsgeschichten in, mit und um Ungarn bieten
eine Vielzahl von Themen an, in denen der Nutzen von geographisch und
disziplinär breit angelegten Untersuchungen augenscheinlich wird. Hier
seien insgesamt fünf Beispiele knapp angeführt:
-
Siedlungsgeschichte im Árpádenreich: Unerläßlich
ist die gemeinsame Auswertung von historischen, archäologischen und
linguistischen Quellen für die Aufhellung der Besiedlungsvorgänge im
Árpádenreich des 10. bis zum 13. Jahrhundert. Nur in diesem
Zusammenhang ist auch die Siedlungsgeschichte benachbarter Großregionen
wie der Moldau und der Walachei sowie hierbei etwa die Herkunftsfrage
der Moldauer Csángó-Ungarn zu klären. Dabei sind neben den gerade
erwähnten auch ethnographisch verwertbare Quellen vergleichend
heranzuziehen.
-
Romanik und Gotik im Lichte westeuropäischer und
byzantinischer Einflüsse: Wie dringend selbst eingefleischte
Kunsthistoriker gefordert sind, z. B. stilgeschichtliche
Periodisierungen im Einklang mit den historischen Quellen vorzunehmen,
zeigen Themen der Romanik und Gotik, in denen sich Ungarn nach der
Kirchenspaltung im 11. Jahrhundert als eigenwillige Verarbeitungsstätte
von Einflüssen aus den beiden christlichen Machtsphären offenbart.
Im Mittelalter diente die Kunst immer auch außerkünstlerischen
Zwecken. In dieser Eigenschaft nahmen künstlerische Schöpfungen häufig
die Authentizität einer historischen Quelle an. Diese beiden
Voraussetzungen leiten dazu an, die Methoden der Kunstsoziologie und
der historischen Ikonographie anzuwenden, wenn die Frage nach den
westlich-lateinischen und den östlich-griechischen Anleihen in der
Staats- und Gesellschaftsentwicklung Ungarnsgeklärt werden soll.
-
Druckerei-, Buch- und Bibliotheksgeschichte im
15.-17. Jahrhundert: Unter einem anderen Aspekt ist in der
Binnenperspektive auf das Gebiet des Stephansreiches und dessen Nebenländern
bemerkenswert, daß der größere und ältere Teil des ungarischen
druckerei-, buch- und bibliotheksgeschichtlichen Erbes nicht aus dem
heutigen Ungarn, sondern aus Oberungarn, also der heutigen Slowakei,
sowie aus Siebenbürgen überliefert ist. Einen der beredten Nachweise
hierfür liefert die Bibliographie der im Königreich Ungarn von 1473
bis 1600 erschienenen Drucke. Von insgesamt 869 Titeln stammen 403 aus
siebenbürgischen Druckereien – die meisten aus Klausenburg und
Kronstadt –, und 189 aus solchen, die sich auf dem Gebiet der
heutigen Slowakei befanden. Aus diesem Umstand erwächst für die
Ungarnforschung die doppelte Herausforderung, den erwähnten
Randgebieten eine zentrale Bedeutung beizumessen und sich dabei in die
slowakische und rumänische Geschichtsentwicklung hineinleiten zu
lassen. 38 von den siebenbürgischen Titeln wurden nämlich in
Kronstadt, Weißenburg, Mühlbach, Broos und Hermannstadt in
kyrillischen Buchstaben gedruckt, davon 23 in kirchenslawischer, 11 in
rumänischer und 4 in kirchenslawisch-rumänischer Sprache. Diese
Werke sind also über ihren ungarnkundlichen Aussagewert hinaus
Quellen zur rumänischen Bildungs- und Religionsgeschichte. Die
„sprachlichen" und / oder „inhaltlichen" Hungarica
einzustufenden oberungarischen Druckerzeugnisse aus Werkstätten in
Bartfeld, Kaschau, Leutschau, Tyrnau, Trentschin und Preßburg gelten
wiederum der slowakischen Literatur- und Sprachwissenschaft als
„territoriale" Slovacica. Die Untersuchung auch dieses
Quellenmaterials weitet den territorialen Bezugsrahmen der ungarischen
Kulturgeschichte aus, indem sie die Sicht auf deren äußeren
Kontaktsysteme öffnet.
-
Ungarns Stellung im europäischen Staatensystem der
Frühen Neuzeit ist ein weiteres Thema, das nach einem raumübergreifenden
Forschungsansatz verlangt. Durch seine Dreiteilung während der
osmanischen Herrschaft 1541-1699 wuchs Ungarn ein historischer
Erfahrungsschatz zu, dessen Untersuchung spezielle Erkenntnisse verheißt
in bezug auf die Verbindungen zwischen dem Osmanischen Reich und den
christlichen Staaten. Die Geschichtswissenschaft nähert sich diesem
Problem, welches das gesamte Europa mehr oder minder betraf, auf zwei
Interpretationswegen. Lange Zeit schien Ungarn nur für jenen Erklärungsansatz
ein historisches Beispiel zu sein, der die desintegrativen Momente
zwischen den beiden Machtbereichen Habsburg und Hohe Pforte betont.
Nicht zuletzt neuere Ergebnisse der ungarischen Historiographie
veranlassen dazu, das Bild von der unversöhnlichen Gegnerschaft
zwischen christlicher und muslimischer Welt im Karpaten-Donauraum zu
nuancieren.
-
Nationale Minderheits- und Mehrheitsgruppen im
Donau-Karpatenraum: Das von seinen Anfängen an multiethnische
historische Ungarn zerfiel im 20. Jahrhundert auf mehrere Staaten.
Somit bieten die historische Entwicklung und die heutige Lage
gleichermaßen Anhaltspunkte, das Miteinander oder Nebeneinander, aber
auch das Gegeneinander von Minderheits- und Mehrheitsgruppen im
Karpaten-Donauraum fallbeispielhaft zu studieren. Reizvollerweise läßt
sich für die ungarische Seite sowohl eine Mehrheits- als auch eine
Minderheitsperspektive einfangen, in bestimmten Epochen sogar
zeitgleich beide Perspektiven. Eine wichtige Folge davon ist, daß in
diesem gesamteuropäischen Problembereich ungarische Denkarten und
Handlungsweisen sowohl in ihren staatszentralistischen als auch
regional- bzw. individualautonomistischen Entwicklungsbahnen zu
interpretieren sind. Ein zusätzliches Sondermerkmal der ungarischen
Rolle in den Interferenzen zwischen nationalen Minderheiten und
staatsbildenden Mehrheiten ist, daß sie z. B. auf dem Gebiet des
ehemaligen Jugoslawien und in Rumänien in gleich mehreren
ethnisch-kulturell mit begründeten Kontaktsystemen greifbar ist (z.
B. gegenüber Serben, Kroaten bzw. Rumänen und Deutschen sowie, überall,
Juden und Roma).
IV. Zum gegenwärtigen und erstrebenswerten fachlichen Stellenwert in
der bayerischen Forschungs- und Hochschullandschaft
Eine hungarologische Konzeption, welche die Ansprüche
verschiedener gesellschafts-, sozial- und kulturwissenschaftlicher
Fachbereiche zu einem ganzheitlichen Forschungs- und Lehrprogramm vermengt
und sich ihrerseits in die Praxis der Regionaldisziplin zu Ost-, Mittel-
und Südosteuropa einfügt, ist gegenwärtig nicht nur im deutschen
Sprachraum eine Wunschvorstellung. Im außeruniversitären Bereich ist das
UIM die einzige Einrichtung Deutschlands, die sie seit langen Jahren
pflegt. Was den universitären Bereich speziell in Bayern betrifft, so
sprechen die einschlägigen Vorlesungsverzeichnisse der Universitäten an
den neun Standorten Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Eichstätt-Ingolstadt,
Erlangen-Nürnberg, München, Passau, Regensburg und Würzburg eine
deutliche Sprache: Sie führen im Sommersemester 2004 keine einzige
Veranstaltung mit einem ungarischen Thema an; in
„ostwissenschaftlicher" Hinsicht überwiegen, dies als Spiegelbild
des akademischen Betriebs in ganz Deutschland, thematisch slawische bzw.
slawistische Angebote. Eine Ausnahme bildet die Münchener Finnougristik/Uralistik,
die sich allerdings auf literatur- und sprachwissenschaftliche Aufgaben
beschränkt und dabei das zentrale Ziel der Sprachvermittlung verfolgt.
Ungarisch-Sprachkurse werden noch am Regensburger Europaeum angeboten.
Inhaltliche Gründe sind nicht geeignet, ein
derartiges Desinteresse des wissenschaftlichen Bayern an ungarischen
Themen beständig zu rechtfertigen. Daher versteht sich dieses Kolloquium
als Forum eines Kooperationsangebots an Partnerinstitutionen, die an der
Beseitigung der eben skizzierten Lücke fachlich – und vielleicht auch
hochschulpolitisch – interessiert sein könnten.
Zusammenfassung
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Die Hungarologie ist, wenn sie in der hier
vorgeschlagenen Art betrieben wird, nicht das, was ihr Name dem oberflächlichen
Betrachter womöglich suggeriert. Sie ist nicht hungarozentrisch, weil
sie die Fähigkeit abverlangt, die Bezugspunkte der ungarnkundlichen
Forschung und Lehre immer wieder zu verlagern. Diese Grundanforderung
äußert sich konzeptionell und methodisch in ihrer
Interdisziplinarität und Überregionalität, thematisch in
ihrem beziehungsgeschichtlichen Profil.
-
Die Empfehlung, verschiedene Untersuchungsmethoden
in hungarologischen Forschungsprojekten anzuwenden, zielt nicht auf
eine stets lückenlose Anwesenheit aller anzusprechenden Fächer ab.
Sie strebt vielmehr an, deren Nebeneinander in der gerade erreichbaren
und themenbedingt notwendigen Anzahl durch die Harmonie zu vollenden,
die sich aus der jeweiligen sachgerechten Originalität und fachlichen
Sorgfalt nährt. Wenn einzelne Beiträge Methoden mehrerer
Nachbardisziplinen anzuwenden in der Lage sind, so würde diese
Eintrachtsuche auf eine höhere Stufe gelangen.
-
Die Hungarologie ist mit einem ihrer methodisch
wesensbestimmenden Merkmale, der Interdisziplinarität, weniger eine
einzelne Disziplin als ein Arbeitsgebiet, das auch in der universitären
Lehre aus dem Zusammenwirken mehrerer geschichts-, sozial- und
kulturwissenschaftlicher Fächer leben sollte. Um Wissenschaftler
heranzubilden, die fähig sind, ungarische Themen in ihren sachlich
vielschichtigen und internationalen Zusammenhängen zu erfassen, zu
erforschen und weiter zu vermitteln, bedarf es der Zusammenarbeit von
Vertretern der Geschichtswissenschaften, der Politik-, Rechts- und
Wirtschafts-, der Literatur-, Sprach-, Kunst- und Musikwissenschaft
sowie der Ethnographie.
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Es versteht sich von selbst, daß ein einzelnes
Universitäts- oder Forschungsinstitut nicht imstande ist, alle diese
Arbeitsfelder abzudecken. Bei Interesse der Münchener LMU an einer
Forschungs- und Lehreinheit Hungaricum wären für die inhaltlichen
Schwerpunktsetzungen, also für die Modularisierung eines
hungarologischen Studienganges (Geschichts- und Politikwissenschaft,
Kultur- und Landeskunde, Literatur- und Sprachwissenschaft, Rechts-
und Wirtschaftswissenschaft) Abstimmungen notwendig zwischen den
Lehrstühlen der in Frage kommenden Fachbereiche sowie den außeruniversitären
Instituten der Landeshauptstadt, die bereit und in der Lage sind,
geistige Ressourcen für ein solches Vorhaben bereitzustellen. Die
gegenseitig befruchtende Verbindung des außeruniversitären
Forschungs- mit dem universitären Lehrbereich sollte auch eine
internationale und eine regionale Dimension erhalten, und zwar durch
die zumindest zeitweise Mitwirkung von ausländischen Gastdozenten und
Projektmitarbeitern sowie durch wiederkehrende Veranstaltung von
Blockseminaren an anderen bayerischen Universitäten.
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Von den maßgeblichen Aufbauprinzipien des
Lehrangebots an einem solchen Hungaricum seien hier zwei
hervorgehoben: die Sprachbezogenheit und die Quellennähe. Aufgrund
seiner jahrzehntelangen Erfahrungen mit ungarischen Sprachkursen sowie
literatur- und sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen dürfte
sich das finnougristische Institut in besonderer Weise dafür eignen,
einerseits die Vermittlung der für das Quellen- und Literaturstudium
unerläßlichen ungarischen Sprache, andererseits philologische
Inhalte in das Hungaricum einzubringen. Was die Quellen- und, damit
zusammenhängend, die Literaturversorgung betrifft, so bietet dafür
bekanntlich die Bayerische Staatsbibliothek eine der reichhaltigsten
Sammlungen in München. Aufgrund der bisherigen Ergebnisse der seit
Jahren mit dem UIM koordinierten Erschließung und Erwerbung von
Hungarica sowie des Institutsprojekts „Bavarica in Ungarn. Hungarica
in Bayern" müssen wir aber davon ausgehen, daß bisher weder der
Bestand der BSB noch anderer staatlicher Sammlungen in Bayern, Archive
eingeschlossen, in notwendigem Maße auf ungarnkundliche Quellen
durchleuchtet worden sind. Nehmen wir den Bereich der nichtstaatlich
aufbewahrten Buch- und Handschriftennachlässe hinzu und blicken wir
dabei auf weitere einschlägige oder als einschlägig vermutete
Sammlungen in Deutschland, so wird klar, daß die Erschließung und
Auswertung von Hungarica im deutschen Sprachraum, vor allem alter
Drucke und archivalischer Nachlässe, noch immense Rückstände
abzuarbeiten hat. Dazu könnte das Hungaricum mit quellenkundlichen Übungen
und Seminaren beitragen.
*
Auf regionalwissenschaftlichen Arbeitsfeldern ist die
Versuchung groß, sich nur auf bestimmte Regionen zu konzentrieren. Durch
eine solche Verengung der Sicht könnte sich die Forschungsarbeit und der
Hochschulunterricht früher oder später als provinziell erweisen. Die
Hungarologie ist von ihren Anfängen an gefordert, dieser Versuchung zu
widerstehen. Ihre Vertreter müssen jedoch mit dem nötigen Augenmaß
erkennen, daß die Ausweitung ihres eigenen fachlichen Wirkungskreises
noch keine Gewähr dafür bietet, daß ungarnkundliche Themen ihrerseits
in breitere Zusammenhänge des akademischen Betriebs eingefügt werden.
Insofern handelte der heutige Abend eigentlich von der Frage, ob die
Hungarologie im deutschen Sprachraum bzw. in Bayern ihren Weg alleine oder
im Verbund mit weiteren Disziplinen der Ost-, Mittel- und Südosteuropakunde
weitergehen soll. Das Prinzip Vielfalt wird in beiden Fällen ein gutes
Heilmittel gegen Provinzialismus sein.
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