Ungarisches Institut München / Müncheni Magyar Intézet

 

Erschienen in: Ungarn-Jahrbuch 27 (2004), S. 475-478.

(Zitierfähige PDF-Version)

Bavarica in Ungarn – Hungarica in Bayern

Ein wissenschaftliches Tagungsprojekt am Ungarischen Institut München (II.)

  (Teil I.)

Internationales Symposium "Hungarica in Bayern. 
Quellen und Strukturen von Beziehungen zwischen dem süddeutschen Raum 
und dem historischen Ungarn vom 16. bis zum 19. Jahrhundert"

 

Die bayerisch-ungarischen Verflechtungen auf politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet sind in der Zeitspanne von der Frühen Neuzeit bis zur beginnenden Industrialisierung noch nicht ihrer Dichte, Vielfalt und Tiefenwirkung entsprechend erforscht worden. Diese Feststellung hatte die Konzipierung der Vorjahrestagung dieser Veranstaltungsreihe unter dem Obertitel „Bavarica in Ungarn" mit angestoßen.1 Der zweite Akt dieses Projekts unterzog sie dank der Drittmittel- beziehungsweise Sonderförderung der Bayerischen Staatskanzlei, des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie des Karl Graf von Spreti Sonderfonds einer erneuten Prüfung. Dafür tauschten Quellengruppe und Zielland die Rollen. Für die Quellengruppe stand nun Ungarn.

Die Suche nach Hungarica außerhalb Ungarns hat sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in erheblichem Maße auf dem deutschsprachigen Gebiet zu einer wissenschaftlichen Tätigkeit entwickelt. Ihr Gegenstand sind gedruckte oder handschriftliche Schriftzeugnisse sowie graphische und kartographische Druckwerke ungarländischer Herkunft oder ungarischer Sprache beziehungsweise Thematik. Von Anbeginn im gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Rahmen disziplinübergreifend ausgerichtet, schlägt sie traditionell sowohl eine bibliotheks- als auch eine archivorientierte Richtung ein. Ihr weiteres Merkmal ist die Vermengung dokumentarischer und analytischer Ansprüche, wobei beziehungsgeschichtliche Fragestellungen bestimmend sind. In jüngerer Zeit sind verstärkte Bemühungen zu beobachten, ihren Ergebnissen internationale Publikationsforen zu sichern.

Das Ungarische Institut München, dessen Leiter die obigen Gedanken einführend vertiefte, und die beiden Mitveranstalter, der Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (Heidelberg) und die Széchényi Nationalbibliothek (Budapest), boten am 11.-12. November 2004 im Münchener Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft einen Einblick in die aktuelle ungarische und außerungarische Werkstatt der multifunktionalen Hungarica-Forschung. Es wurden in vier thematischen Blöcken Grundlagenforschungen und Problemaufrisse zum politischen Hintergrund sowie zu sozial- und lokalhistorischen Besonderheiten deutsch-ungarischer Beziehungen vorgestellt, die sich im genannten Zeitraum auf mannigfaltige Weise in sammlungswürdigen Dokumenten und beachtenswerten Sammlertätigkeiten niederschlugen. Das inhaltliche Schwergewicht der Referate lag auf kultur- und wirtschaftshistorischen Aspekten, die in Verbindung mit Fragen der Erschließung und Aufbereitung von bisher unbekannten oder nicht näher ausgewerteten Hungarica-Beständen im weit gefaßten Bayern beziehungsweise im gesamten süddeutschen Raum unter Einschluß insbesondere Württembergs und der Schweiz erörtert werden.

Im ersten Themenblock „Zu den politisch-wirtschaftlichen Verflechtungen" referierte Prof. Dr. Winfried Schulze (Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität, München) über „Das Heilige Römische Reich und die Türkenkriege im 16. und 17. Jahrhundert". Die „Wahrnehmungen und Wirkungen", wie der Untertitel lautete, betrafen auch die Rolle Kurbayerns und der süddeutschen Reichskreise im Konflikt zwischen dem Osmanischen Reich und dem Heiligen Römischen Reich um die Vorherrschaft im Donau-Karpatenraum, also im historischen Ungarn. Der Münchener Historiker ging im besonderen auf die Debatten um eine intensivere Einbeziehung Ungarns in den Verband des Alten Reiches ein. Prof. Dr. Markus A. Denzel (Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte am Historischen Seminar der Universität Leipzig) setzte sich mit der Wirtschaftspolitik der Fugger anhand der Handelspraktik des Matthäus Schwarz in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auseinander. Auch ihm ging es um die Frage der enger werdenden Beziehungen zwischen West- und Oberungarn sowie dem damaligen süddeutschen Raum, die nach 1526 durch die osmanische Bedrohung und innerungarische Auseinandersetzungen zunehmend in Frage gestellt wurden.

Im Themenblock „Migrationen" befaßte sich Dr. Márta Fata (Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen) mit calvinistischen und lutherischen „Glaubensflüchtlingen aus Ungarn in Württemberg im 17. und 18. Jahrhundert" – einem in der internationalen Fachwelt noch wenig beachteten Aspekt der frühneuzeitlichen Ost-West-Migration, der einen Vergleich mit den nahezu zeitgleichen Migrationen von Protestanten aus anderen Teilen Europas, so der Hugenotten in protestantische Territorien des Alten Reiches, lohnenswert erscheinen läßt. Dr. Péter Ötvös (Lehrstuhl für Ältere Ungarische Literatur der Universität Szeged) stieß ebenfalls in eine Forschungslücke vor – seinerseits für die Barockzeit –, indem er den literarischen Verbindungen zwischen dem Alten Reich und Ungarn in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf dem Wasserweg, im Kontext von Krieg und Poesie, nachging.

In bezug auf „Lokale Traditionen" analysierte Prof. Dr. András Szabó (Lehrstuhl für Alte Ungarische Literatur der Gáspár Károli Reformierten Universität, Budapest) ungarische Studenten betreffende Akten aus dem Heidelberger Universitätsarchiv. In den behandelten Jahrzehnten von 1560 bis 1622, der Blütezeit der calvinistischen Kurpfalz und der Reformationsbewegungen in Ungarn, kann eine der Zahl nach starke Präsenz von ungarländischen, also nicht nur ethnisch ungarischen Studenten in Heidelberg nachgewiesen werden. Es handelte sich häufig um mehrjährige Peregrinationen, die den Besuch verschiedener calvinistischer Universitäten einschlossen, wobei Heidelberg mit an vorderster Stelle stand. Dr. Meinolf Arens (damals Ungarisches Institut München) beschrieb in seinem Vortrag „Ferenc II. Rákóczi (1676-1735) und der Kurort Bad Kissingen" die Entstehung der lokalen Mythen um den siebenbürgischen Fürsten und dessen überragende Bedeutung im jährlichen Festkalender des Kurortes vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart – eine virtuelle ungarisch-fränkische Beziehung, die historisch greifbarer Bezüge entbehrt.

Ein weiterer Themenschwerpunkt bezog sich auf „Sammler und Sammlungen". Dr. Gizella Hoffmann (Lehrstuhl für Alte Ungarische Literatur der Universität Szeged) stellte kostbare Hungarica aus der in Salzburg lagernden Fachbibliothek von Christoph Besold (1577-1638) vor, die unter ihrer Mitwirkung erschlossen wird. Sie bescheinigte dem berühmten Rechtsgelehrten eine gezielte und vielfältige Hinwendung zu ungarischen Themen, die in der Sachstruktur der gesamten Bibliothek nachweisbar sind. Lioba Tafferner (Bayerische Staatsbibliothek München) und Meinolf Arens erörterten in ihrem gemeinsamen Beitrag neue Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit dem Leserkreis des „Münchener Kodex" (1466) und dessen schwer rekonstruierbaren Weg aus der Moldau nach München sowie Entdeckung in der Bayerischen Staatsbibliothek. Mit den deutschsprachigen Ungarnflugschriften brachte Dr. András F. Balogh (Lehrstuhl für deutschsprachige Literaturen am Germanistischen Institut der Eötvös-Loránd-Universität, Budapest) eine Gattung der Hungarica ins Gespräch, die für die Kulturgeschichtsschreibung auch ein visuelles Fenster in die Denkwelten verschiedener Bevölkerungsschichten der Frühen Neuzeit öffnet. Dr. des. Julia Richers (Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel) gab einen Überblick über archivalische Hungarica in der Schweiz und zeichnete anhand von Nachlaßmaterialien den Lebensweg des Schweizer Unternehmers Abraham Ganz (1814-1867) nach, der nach seiner Einwanderung zu einem Wegbereiter der industriellen Revolution in Ungarn wurde.

Die Diskussionen der Vorträge waren nicht zuletzt wegen der Neuheit der behandelten Quellen und der angewandten Untersuchungsmethoden lebhaft. Die Themenvielfalt und Internationalität des Programms leistete dazu im voll belegten Seminarraum ein Übriges. Erfreulicherweise gelang es, mit Referentinnen und Referenten, die bei früheren Tagungen des Ungarischen Instituts München nicht zugegen waren, den Kreis der auswärtigen Institutsmitarbeiter innerhalb und außerhalb Bayerns zu erweitern.2 Am Büchertisch wurden vier druckfrische deutschsprachige Neuerscheinungen aus mehreren Sparten der deutschen Geschichtswissenschaft zu breiteren Zusammenhängen der Gesamtthematik in literatur-, wissenschafts-, bildungs-, kunst- und kirchengeschichtlicher Optik vorgestellt.3 Zum Abschluß wurden die Teilnehmer fachkundig durch die Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek „Reichenauer Buchmalerei" geführt. Diese Programmpunkte sorgten mit für die Auflockerung der wissenschaftlichen Strenge. Die Tagung klang aus, wie sie am Begrüßungsabend begonnen hatte: in einer Atmosphäre freundschaftlicher Kollegialität – ein Ergebnis, das neben den wissenschaftlichen Erträgen nicht hoch genug einzuschätzen ist.

 

Internationales Symposium "Barock und Aufklärung in Ungarn und in Deutschland.
Neue Quellen und Forschungsansätze zum strukturgeschichtlichen Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des süddeutschen Raumes"

Dieses Symposium kam durch die Zusammenführung zweier wissenschaftlicher Traditionslinien zustande. Es präsentierte am 10.-11. November 2005 im Münchener Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft neueste Arbeiten aus der deutschen und ungarischen Barock- und Aufklärungsforschung, wobei es sich mit beziehungsgeschichtlichen Fragen auseinandersetzte, die der Hungarologie den Charakter einer interdisziplinären Regionalwissenschaft verleihen. Die Geburtsstunde seiner Idee war die Abschlußdiskussion der Tagung, über die der vorige Abschnitt berichtet. Eine finanzielle Voraussetzung seiner Verwirklichung war die Sonderzuwendung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Die Wechselverbindungen zwischen den neuzeitlichen Großreichen sind in den letzten Jahren zu einem bevorzugten Thema der deutschen Geschichtswissenschaft geworden. Die entsprechenden Zugriffe auf überregionale Kontaktsysteme setzen das Heilige Römische Reich deutscher Nation als westlichen Ausgangspunkt an. In ihrer östlichen Vergleichsdimension bildet Polen-Litauen einen Schwerpunkt. Deshalb nahm sich das Ungarische Institut München mit seinen mitfinanzierenden Veranstaltungspartnern – dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (Heidelberg), dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (Tübingen), dem Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte / Frühe Neuzeit am Historischen Seminar der Eberhard-Karls-Universität (Tübingen), der Széchényi Nationalbibliothek (Budapest) und dem Ungarischen Staatsarchiv (Budapest) – vor, den Osten Mitteleuropas über die Habsburgermonarchie und den Ländern der ungarischen Stephanskrone in den Forschungszusammenhang der komparatistischen Historiographie einzubringen.

Folglich wurde die Konzeption gegenüber den 2003 und 2004 durchgeführten Tagungen im Rahmen der übergeordneten Thematik „Bavarica in Ungarn – Hungarica in Bayern" entsprechend erweitert. Sie sah vor, in sieben Themenblöcken den in den Vorjahren bemühten Methoden der Einflußforschung diejenigen der Analogienforschung hinzuzugesellen und dabei fallweise Räume außerhalb des süddeutschen Zielgebietes mit zu berücksichtigen. Im Einführungspanel „Aspekte interdisziplinärer Zugänge" wies der Vertreter des Ungarischen Instituts München auch im Namen der Mitveranstalter darauf hin, daß die Veranstaltung mit ihrem – dem Phänomen der Doppelstaatlichkeit entnommenen – Leitaspekt darauf abziele, das Alte Reich und Ungarn unter jenen Rahmenbedingungen zueinander in Beziehung zu setzen, die für sie aus der staatsrechtlichen Verknüpfung mit den habsburgischen Kron- und Erbländern entstanden waren. Der Untersuchungshorizont sollte nun neben beiderseitigen Ausstrahlungen und Rezeptionen auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfassen, um den supranationalen, mithin auch den supraterritorialen Blickwinkel zu sichern. Herausragende Aufmerksamkeit verdiente hierbei der Umstand, daß im behandelten 17. und 18. Jahrhundert die Konfessionen die ethnisch-kulturellen Identitäten noch vielfach überlagert hatten. Die Grundfrage des Symposiums war somit nicht nur, ob und wie Ungarn und das Reich mitsamt Gliedstaaten unter den Voraussetzungen des Barock und der Aufklärung aufeinander einwirkten, sondern auch, wie sie sich im Modell der komplementären Staatlichkeit jeweils darboten, wie sie nebeneinander, miteinander oder gegeneinander funktionierten. Diesen vergleichenden Untersuchungsansatz konkretisierte der zweite einführende Grundsatzreferat: Prof. Dr. Anton Schindling (Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte / Frühe Neuzeit der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen) betonte die für die Epochen des Barock und der Aufklärung charakteristische wechselseitige politische, kulturelle und geistige Durchdringung zwischen der lateinischen Welt des Westens und Ostmitteleuropas.

In der mit „Staat und Gesellschaft" überschriebenen Sektion spielte je eine Persönlichkeit aus Militär und Politik die Hauptrolle. Mátyás Kéthelyi (Péter-Pázmány-Katholische-Universitä t, Budapest/Piliscsaba) beschrieb die Aktivitäten von Feldmarschall Karl Joseph Graf Batthyány (1697-1772) in Kurbayern während des Österreichischen Erbfolgekrieges – ein Modell von ungarischer Habsburgtreue in den 1740er Jahren. Die habsburgische Ungarnpolitik vertrat kein geringerer als Joseph II. vor und während seiner Regentschaft: Dr. Krisztina Kulcsár (Ungarisches Staatsarchiv, Budapest) machte mit den Reformentwürfen vertraut, die er anläßlich seiner von 1768 bis 1773 in Ungarn, Siebenbürgen, Slawonien und dem Temescher Banat unternommenen Reisen aufgesetzt hatte. Dr. Márta Fata (Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen) befaßte sich mit der Besiedlungspolitik des Kaisers in Ungarn von 1783 bis 1788, die sie mit dem Gegensatz zwischen dem Wunsch nach und der Fähigkeit zur tiefgreifenden Modernisierung charakterisierte.

Der Themenblock „Kirchen und Konfessionen" griff sowohl protestantische als auch katholische Standpunkte auf. Der vorgelesene Beitrag des kurzfristig verhinderten Prof. Dr. Zoltán Csepregi (Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität für Evangelische Religionswissenschaft, Budapest) machte auf die Korrespondenz des Preßburger Pfarrers Matthias Marth (1691-1734) aufmerksam, anhand derer die Verhaltensstrategien der lutherischen Eliten in der katholischen Konfessionalisierung beispielhaft herausgearbeitet werden können. Den Aspekt kirchlicher Interessendurchsetzung beleuchtete Dr. István Monok (Széchényi Nationalbibliothek, Budapest) von der anderen Seite, nämlich mit der bestimmenden Rolle der bayerischen Buchdruckerkunst in der Rekatholisierung Ungarns vom späten 17. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Frank Pohle (Historisches Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, Aachen) füllte das Unterthema der Gegenreformation in entgegengesetzter geographischer Richtung aus. Er schilderte im Rahmen der Geschichte der Aachener Ungarnkapelle und Ungarnwallfahrt die langlebigen und trotz räumlicher Distanz intensiven Beziehungen zwischen katholischen ungarischen Kreisen und der alten Kaiserstadt, wo sich ein ungarnbezogener Gnadenort herausgebildet hatte.

Im Fragenkreis „Geistesströmungen und sozialökonomische Entwicklungen" sprach Prof. Dr. Helmut Reinalter (Institut für Geschichte der Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck) über Ambivalenzen der Aufklärung im Zusammenhang mit der Freimaurerei, in der es von Anbeginn und zu allen Zeiten Strömungen gab, die sich esoterischen Denkmustern öffneten und solche umformten oder neu gestalteten. Diese für Außenstehende schwer erschließbare Mischung von Rationalem und Irrationalem trug und trägt mit zu den zählebigen Mythenbildungen rund um den Männerbund bei. Für die erkrankte Dr. Eva Faber (Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität, Graz) sprang Krisztina Kulcsár ein, und zwar mit einem Werkstattbericht über die Erschließungsarbeiten am ebenso umfangreichen wie aussagekräftigen Nachlaß des Grafen Karl von Zinzendorf (1739-1813), insbesondere im Hinblick auf dessen ungarischen Bezüge.

Im Panel „Gelehrte und Wissensvermittlung" kamen deutsch-ungarische Austauschbeziehungen in den Rechts- und den Medizinwissenschaften zur Sprache. Dr. Katalin Gönczi (damals Max Planck Institut für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main), die aus unvorhergesehenen Gründen ihre Teilnahme absagen mußte, bot in ihrem eingesandten und vorgetragenen Beitrag über den hohen Stellenwert von Tübinger juristischen Dissertationen in der Herausbildung der ungarischen Staatslehre eine kleine west-östliche Einflußgeschichte. Dr. Lilla Krász (Lehrstuhl für Mittelalterliche und Frühneuzeitliche Universalgeschichte der Eötvös-Loránd-Universität, Budapest) stellte deutsche Sprach- und Fachbezüge innerhalb Ungarns, hauptsächlich in den nördlichen Gebieten sowie in Pest-Ofen heraus, wo die Heilkunde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Wandel von einer nichtakademischen zu einer naturwissenschaftlich unterbauten Tätigkeit vollzog.

Am zweiten Tag des Symposiums standen „Literatur und Kunst" in räumlich engeren und breiteren Entwicklungsformen im Mittelpunkt. Dr. Horst Fassel (Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen) hob mit den auf Deutsch verfaßten Kronstädter Gelegenheitsgedichten des 17. Jahrhunderts die Bedeutung regionaler Kontinuitätslinien für eine teilweise Neubewertung der Literaturentwicklung in Siebenbürgen hervor. Der Vortrag von Dr. S. Katalin Németh (Literaturwissenschaftliches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest), wegen der krankheitsbedingten Abwesenheit der Verfasserin ebenfalls vorgelesen, brachte neue vergleichende Angaben zur maßgeblichen, aber noch wenig gewürdigten Rolle von Veit Marchthaler (1565-1641) in der literarischen Ungarn-Beschreibung des deutschen Barock. Dr. András Szilágyi (Museum für Kunstgewerbe, Budapest) hob mit seinem reichhaltig illustrierten graphikgeschichtlichen Abriß auf eine überregionale Kontaktebene im 17. Jahrhundert ab, auf der deutsche Kupferstecher ungarländischen Goldschmieden Kompositionsvorlagen lieferten.

Im letzten Themenblock „Literatur und – Nürnberg" machte die fränkische Reichsstadt ihrer altbekannten, nun aber mit neuen Nachweisen herausgestellten Rolle als frühneuzeitlicher Schauplatz deutsch-ungarischer Beziehungen alle Ehre. Dabei verschob sich der inhaltliche Ausgangspunkt der Kontakte in zwei Fällen auf die ungarische Seite. Dr. Nóra G. Etényi (Lehrstuhl für Mittelalterliche und Frühneuzeitliche Ungarische Geschichte der Eötvös-Loránd-Universität, Budapest) verwendete auch bildliche Quellen in ihrer Darstellung der engen und regelmäßigen deutschen Wahrnehmung der Türkenkriege im Ungarn des 17. Jahrhunderts, an der Nürnberger Zeitungen und Flugblätter großen Anteil hatten. Eine andere, gleichfalls willkommene Art von Spannung brachte Dr. Noémi Viskolcz (Lehrstuhl für Alte Ungarische Literatur der Universität) ins Auditorium mit ihrem Vortrag über einen erbitterten Rechtsstreit, den einer der schönsten Altdrucke der ungarischen Kulturgeschichte, das 1664 in Nürnberg erschienene Werk „Mausoleum" von Ferenc Nádasdy (1623-1671) ausgelöst hatte. An die geistige Situation, in der sich all diese Handlungen abgespielt hatten, führte Dr. Péter Ötvös (Lehrstuhl für Alte Ungarische Literatur der Universität Szeged) unter dem Titel „Literatur und Gotteserkenntnis" heran. Er setzte Poeten und Rechtgläubige, Dissidenten und Schwärmer in Szenen einer eigenartigen Nürnberger Gemeinschaft, die sich zur Mitte des 17. Jahrhunderts infolge politischer und religiöser Verwerfungen gebildet hatte.

Ein schon traditioneller Programmteil dieser Veranstaltungsreihe war diesmal einem festlichen Anlaß gewidmet: Auf den Büchertisch kam – neben zwei einschlägigen Neuerscheinungen aus dem Bereich der Literatur- und Kirchengeschichte3 – der Band 27 (2004) des ,Ungarn-Jahrbuch’, der auch die Beiträge zum Symposium des Jahres 2003 „Bavarica in Ungarn" enthält. Er wurde Prof. Dr. Horst Glassl zur Vollendung des 70. Lebensjahres zugeeignet und ihm bei einem Empfang im Kreis der Tagungsteilnehmer übergeben – aus Dankbarkeit für seine langjährigen Verdienste in der Leitung des Ungarischen Instituts München und am Institut für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München, für seine Bemühungen um einen Ungarn-Schwerpunkt in den deutschsprachigen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropawissenschaften.

Die zu diesem Symposium beigesteuerten Vorträge von Vertretern der universitären und außeruniversitären Forschung und Lehre in Deutschland und Ungarn liefern Fallstudien aus der Politik-, Gesellschafts-, Kirchen-, Konfessions-, Literatur- und Rechtsgeschichte.4 Ihr Hauptaugenmerk liegt auf Primärmaterialien und der Erörterung von Auswertungsprinzipien. Diese Aufgabenstellung wird von der Überzeugung getragen, daß sich Interdisziplinarität mit problemorientierter Quellenkunde verbinden muß, um nicht zu einer oberflächlichen Modeerscheinung zu verkommen.

Mit der chronologischen und inhaltlichen Fortsetzung der Vorjahrestagungen ließ sich eine Lücke in einer durch die Erforschung der Verflechtungen zwischen der Welt der Germanica und der Slavica geprägten Wissenschaftslandschaft wenigstens vorübergehend schließen. Die Zahl der Veranstalter hat sich gegenüber 2003 und 2004 verdoppelt, jene der Vorträge um ein Drittel vermehrt. So war auch eine Zunahme der Themenvielfalt zu verzeichnen. Es war offensichtlich, daß die Mitglieder der disziplinär so durchmischten fachlichen Gemeinschaft gern über den Rand ihrer engeren Sachinteressen hinausblickten. Diese Bereitschaft ist für jedes komparatistisch angelegte Forschungsvorhaben unabdingbar. Sie nährte die Hoffnung auf weitere Fallstudien, die im historischen Erbe Kontinentaleuropas die ostmitteleuropäische Sonderentwicklung klar zu deuten und damit die Umrisse der westeuropäischen scharf zu ziehen helfen. Anhaltspunkte könnten sie so auch für eine noch ausstehende vergleichende Staats-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und des Königreiches Ungarn bieten.

 

Seiten zuletzt aktualisiert am: 18.7.2008

Technische Hinweise | Kontakt | Impressum