Ungarisches Institut München / Müncheni Magyar Intézet

 

Erschienen in: Ungarn-Jahrbuch 27 (2004), S. 475-478.

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Bavarica in Ungarn – Hungarica in Bayern

Ein wissenschaftliches Tagungsprojekt am Ungarischen Institut München (I.)

 (Teil II.)

»Bayern und Ungarn büßten im Hoch- und Spätmittelalter infolge der allmählichen Ausdehnung der späteren österreichischen Erbländer ihre vormals unmittelbare Grenznachbarschaft ein. Dennoch pflegten sie auch danach enge kulturelle, wirtschaftliche und politische Verbindungen zueinander. Das Haus Habsburg, das mit seiner staatlichen Begründung von 1278 an die anfängliche bayerisch-ungarische Grenzlage aufgehoben hatte, spielte eine vielfach mitbestimmende Rolle in diesem Dreierfeld der Beziehungen vom süddeutschen bis zum Karpatenraum. In der aktiven Teilnahme zahlreicher Kontingente des fränkischen und des bayerischen Reichskreises am großen Türkenkrieg (1682-1699) erreichten die bayerisch-ungarischen Verflechtungen einen Höhepunkt. Die politisch-militärischen Elemente blieben ihnen in den nachfolgenden anderthalb Jahrhunderten erhalten. Gleichwohl streckten sie sich auf den Bereich der Kultur aus, den wirtschaftlich verursachte Einwanderungen vor allem aus dem mainfränkischen Bayern in die Länder der heiligen Stephanskrone mit belebten.«

Diese Worte steckten in der öffentlichen Programmankündigung den konzeptionellen Rahmen des ersten Teils der in einer trilateralen Kooperation zunächst auf zwei Symposien geplanten Veranstaltungsprojekts ab. Das Ungarische Institut München lud dank freundlicher Unterstützung der Bayerischen Staatskanzlei und des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit der Széchényi Nationalbibliothek (Budapest) und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (Heidelberg) zum 13.-14. November 2003 ins Münchener Internationale Begegnungszentrum der Wissenschaft ein, um unter dem Titel „Bavarica in Ungarn. Quellen und Strukturen der Kulturvermittlung von Bayern ins historische Ungarn vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" in vier thematischen Blöcken neue Grundlagenforschungen über Verbindungswege vorzustellen, die in der Untersuchungszeit hauptsächlich von Bayern nach Ungarn wiesen. Die Aufgabe der Vorträge war, den kulturellen Aspekt in der politisch-militärischen sowie sozial- und rechtsgeschichtlichen Dimension näher zu beleuchten. Diskutiert werden sollten auch Fragen der Erschließung von Quellenbeständen bayerischer Provenienz auf dem Gebiet des Ziellandes.

Ein solches Symposium stellte sich seit langen Jahren als notwendig dar. Denn in den geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Arbeiten über die bayerisch-ungarischen Beziehungen ist einerseits eine zeitliche, auf das Mittelalter bezogene Spezialisierung nicht zuletzt infolge der damals noch direkten Nachbarschaft der beiden Personenverbandstaaten feststellbar. Da für Ungarn seit dem 13. Jahrhundert der neue Nachbar Österreich an die Stelle Bayerns zu treten begann, ist das Forschungsinteresse andererseits räumlich, nämlich mit Blick auf das Reich der Habsburger ausgeprägt.

Im Einführungsvortrag des ersten Themenblocks „Zum historisch-militärischen Hintergrund" behandelte Prof. Dr. Alois Schmid (Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrstuhl für Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung des Mittelalters) die letzten aktiven Phasen des politischen und militärischen Aufeinandertreffens von Kurbayern und Ungarn im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Neben bündnispolitischen Projektionen, die sich gegen das habsburgische Erzhaus, den gemeinsamen Gegner richteten, spielten die Idee der Gewinnung der Stephanskrone durch das Haus Wittelsbach und die Türkenkriege für die Elite Kurbayerns eine wichtige Rolle. Hingegen sah sich die ländliche Bevölkerung Altbayerns mit ungarländischen Militärverbänden, die während des Spanischen und Österreichischen Erbfolgekrieges in den Diensten des Hauses Habsburg standen, auf blutige Weise konfrontiert. Prof. Dr. János J. Varga (Institut für Geschichtswissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest) analysierte die Auswirkungen der Beteiligung kurbayerischer Heere sowie der Kontingente der bayerischen und fränkischen Reichskreise auf seiten der Heiligen Liga gegen das Osmanische Reich 1683-1699 auf dem ungarischen Kriegsschauplatz. Er stellte auch das komplexe Auslöseverfahren von einigen hochrangigen osmanischen Kriegsgefangenen in Bayern vor.

Dr. István Monok, Generaldirektor der Budapester Széchényi Nationalbibliothek, befaßte sich im zweiten Themenblock „Einwanderungen" mit der maßgeblichen Rolle nichtkatholischer oberpfälzischer Exilanten am Hofe der Grafen Batthyány bei der Zusammenstellung der in der damaligen Zeit einzigartig heterodoxen Hofschulbibliothek von Güssing (Németújvár) zwischen 1620 und 1629. Dr. Meinolf Arens vom Ungarischen Institut München thematisierte die Ansiedlung und Bedeutung von fränkischen Kolonisten auf den Gütern der reichsfürstlichen Familie Schönborn im Komitat Bereg im 18. und 19. Jahrhundert. Dr. Péter Ötvös vom Lehrstuhl für Ältere Ungarische Literatur der Universität Szeged widmete sich dem Einfluß der zahlreichen, eher verfolgten als geduldeten, aus dem fränkischen Raum und dabei von verschiedenen protestantischen Strömungen stammenden Druckerzeugnisse in Ungarn im 17. Jahrhundert. Sein Lehrstuhlkollege Dr. des. Attila Verók ging diesem Aspekt anhand des Fallbeispieles der bayerisch-fränkischen Lesestoffe bei den Siebenbürger Sachsen nach. Die beiden Szegeder Referenten traten bereits im dritten Themenblock „Geistige Impulse" auf, den PD Dr. habil. Stefan Samerski (damals Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig) abschloß. Er schilderte die Dichte der kurbayerisch-österreichisch-ungarischen Wechselbeziehungen bei der Ausformung von Einzelelementen der barocken Marienverehrung im 17. und im frühen 18. Jahrhundert.

Am zweiten Tag des Symposiums wurden zunächst „Buchgeschichten" referiert. Dr. Ilona Pavercsik (Széchényi Nationalbibliothek) hob den Einfluß aus Franken und Oberschwaben stammender Buchhändler bei der Begründung und Ausweitung des Buchhandels und Buchmarktes im Ungarn des 17. und 18. Jahrhunderts hervor. Dr. Noémi Viskolcz (Lehrstuhl für Ältere Ungarische Literatur der Universität Szeged) untersuchte die intensiven Beziehungen zwischen den Anhängern der reformatorischen Strömungen in Ungarn und der Nürnberger Verleger-Familie Endter, deren Erzeugnisse wesentlich zur Verbreitung dieses Gedankengutes im Karpatenbecken beitrugen. Dr. Katalin Gönczi (Max Planck Institut für Europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main) argumentierte im letzten Themenblock „Forschungsaspekte" für die neuartige Untersuchung des Vorbildcharakters Bayerns bei der Modernisierung der Rechtsentwicklung im Ungarn des 19. Jahrhunderts. Da der aus Rumänien eingeladene Referent, Dr. Vasile Ciobanu (Institut für Gesellschaftswissenschaften der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, Hermannstadt), aus Krankheitsgründen seinen Vortrag kurzfristig absagen mußte, wurde zum Ausklang des Symposiums ein Werkstattgespräch dreier in einschlägiger Grundlagenforschung bewanderter Teilnehmer angesetzt. Dr. Harald Roth, wissenschaftlicher Leiter des Siebenbürger-Instituts des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (Gundelsheim) sowie Daniel Ursprung, M. A. (Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Zürich) und Thomas Şindilariu, M. A. (Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Rumänien, Hermannstadt) erläuterten die Möglichkeiten zur Verarbeitung von bislang wenig genutzten Bavarica in Archiven Rumäniens, vor allem Siebenbürgens.

Das Projekt „Bavarica in Ungarn – Hungarica in Bayern" beruht konzeptionell und organisatorisch auf Kooperationsverträgen zwischen dem Ungarischen Institut München und den beiden Mitveranstaltern sowie zwischen dem Münchener und dem Budapester Veranstalter und der Bayerischen Staatsbibliothek München. An der Münchener Einrichtung gliedert es sich in den allgemeinen kulturorganisatorischen Arbeitsbereich ein und erzeugt inhaltliche und administrative Synergien mit dem Aufgabenfeld der Publikationen1 und Sammlungen.2 Das Ziel, in einem internationalen Teilnehmerkreis Vertreter sowohl universitärer als auch außeruniversitärer Institute sowie verschiedener Disziplinen und Sichtweisen zu Wort kommen zu lassen und so für die inhaltliche und methodische Vielfalt des Programms zu sorgen, war nach den positiven Erfahrungen der 2002 in Verbindung mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durchgeführten Tagung des Ungarischen Instituts auch bei diesem Symposium umzusetzen. Viel Anklang fand das Angebot, in großzügig anberaumten referatsfreien Zeiten den freundschaftlichen Dialog unter ungarischen und nichtungarischen Kollegen zu pflegen. Die Abfolge materialreicher Darlegungen wurde auch durch Buchpräsentationen zweier deutschsprachiger Neuerscheinungen zu breiteren Zusammenhängen der Gesamtthematik aufgelockert: des seither erfreulich günstig international rezipierten 49. Bandes der ,Studia Hungarica’3 sowie des vom Heidelberger Mitveranstalter konzipierten und herausgegebenen sowie aus dem Münchener Partnerinstitut mitbetreuten „Handbuch der historischen Stätten: Siebenbürgen" (Hg. Harald Roth. Stuttgart 2003). Es kam dem historiographischen Gedankenaustausch zugute, daß abweichend von der erwähnten Vorjahrestagung „Wissenschaftliche Ungarnkunde in den bayerisch-ungarischen Kulturbeziehungen. Aktuelle Strukturen, Arbeitsschwerpunkte und Vernetzungen"4 nun aktuelle wissenschaftsorganisatorische Belange vollständig ausgeklammert blieben. »Aktuell«, betonte die Einführung, »ist jetzt nur das Interesse an einer rein fachlichen Fragestellung. Die Thematik dieses Symposiums hatte sich eigentlich schon während der Vorbereitungen der Bayerischen Landesausstellung 2001 „Bayern – Ungarn. Tausend Jahre"5 abgezeichnet. Im wissenschaftlichen Beraterausschuß liefen damals Diskussionen über Herkunft und Richtung von Impulsen zur Kulturvermittlung zwischen Bayern und Ungarn. Da die Ausstellung selbst natürlich nicht geeignet war, hierüber ein klares Meinungsbild herauszubilden, entschloß sich das Ungarische Institut München, bei Gelegenheit ein Projekt auf den Weg zu bringen, das die Aufgabe hat, den Quellen und den Strukturen der Kulturvermittlung zwischen Bayern und Ungarn einmal in östlicher, und einmal in westlicher Richtung möglichst systematisch und in überschaubaren historischen Zeiträumen nachzugehen«.

Die Förderung im Rahmen der von der Bayerisch-Ungarischen Gemischten Regierungskommission getroffenen Vereinbarungen über grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf dem Gebiet der ungarnkundlichen Forschung, Lehre und Dokumentation hat es den Veranstaltern erlaubt, im Sinne obiger Ankündigung für 2004 ein ähnlich strukturiertes Münchener Symposium zu planen, welches das gleiche Ziel der quellennahen Untersuchung noch wenig bekannter Kapitel der bayerisch-ungarischen Beziehungsgeschichte in umgekehrter Richtung, also anhand von Hungarica in Bayern verfolgte. Es wird mit den Referaten im nächsten Band dieser Zeitschrift dokumentiert.

Zsolt K. Lengyel, München

 

Fußnoten

1  Die meisten Beiträge des hier besprochenen Symposiums werden in der Rubrik „Vorträge“ dieses Bandes abgedruckt.
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2  Die erwähnte Vereinbarung zwischen der Széchényi Nationalbibliothek, der Bayerischen Staatsbibliothek und dem Ungarischen Institut München vom 12. Juni 2002 sieht unter anderen gemeinsame Veranstaltungen zu Fragen der historischen Beziehungsforschung, deren Erträge veröffentlicht werden sollen, sowie eine Zusammenarbeit im Interesse einer koordinierten Erschließung von Hungarica an den beiden Münchener Sammlungsstätten im Rahmen des Bibliotheksverbunds Bayern vor.
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3  Gábor Varga: Ungarn und das Reich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert. Das Herrscherhaus der Árpáden zwischen Anlehnung und Emanzipation. München 2003. Bisher besprochen von Wolfgang Kessler in: ABDOS-Mitteilungen 24 (2004) 1-2, 34; Sarah Hadry in diesem Band, 417-420; L.[óránd] R.[igán] in: Korunk 15 (2004) 9, 127; Stefan Samerski in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 28 (2005) 2 [im Satz]; István Tringli in: Levéltári közlemények 75 (2004) 1, 142-143; Harald Zimmermann in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 60 (2004) 2, 838-839.
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4  Siehe dazu den Bericht von Meinolf Arens – Zsolt K. Lengyel: Hungarologie-Tagung des Ungarischen Instituts München 2002. In: Ungarn-Jahrbuch 26 (2002/2003) 407-414.
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5  Vgl. Bayern – Ungarn. Tausend Jahre. Bajorország és Magyarország 1000 éve. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2001. Oberhausmuseum Passau, 8. Mai bis 28. Oktober 2001. Hgg. Wolfgang Jahn [u. a.]. Augsburg/Regensburg 2001; Bayern – Ungarn. Tausend Jahre. Aufsätze zur Bayerischen Landesausstellung 2001. Vorträge der Tagung „Bayern und Ungarn im Mittelalter und in der frühen Neuzeit“ in Passau, 15. bis 18. Oktober 2000. Hgg. Herbert W. Wurster. Passau/Regensburg 2001.
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Seiten zuletzt aktualisiert am: 20.12.2005

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