Ungarisches Institut München / Müncheni Magyar Intézet

 

Zsolt K. Lengyel – Ralf Thomas Göllner

Präsentation des Ungarischen Instituts anlässlich seiner Begrüßung im Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa Regensburg

4. Dezember 2009

 

Wir präsentieren nicht die bisherigen Jahrzehnte des 1962 gegründeten Ungarischen Instituts München. Wir umreißen vielmehr sein Angebot, infolge seines Umzugs nach Regensburg als selbständiger und gleichberechtigter Partner des WiOS der Forschung und Lehre zu Ostmittel- und Südosteuropa einen nicht nur in Bayern sichtbaren Stempel aufzudrücken.

 

1.

Die Ursprünge unserer Forschungs- und Lehrtradition reichen in die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück, als die deutsche Osteuropaforschung und die Hungarologie in Berlin als Regionalwissenschaften begründet wurden. Die konzeptionelle Kernfrage, die damit entschieden wurde, ist seither in den Diskussionen um dieses Arbeitsgebiet immer wieder zurückgekehrt: Sollen ungarische bzw. ungarnbezogene Themen im breiten räumlichen Ausgriff oder im Rahmen einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin behandelt werden? Während die Finnougristik mit ihrem sprachwissenschaftlichen Selbstverständnis einen engen, uralistischen Territorialbezug bedient, will die Osteuropawissenschaft mit ihrer Optik auf den Großraum vom Baltikum zur Adria, vom Ural zu den Karpaten und von den Alpen zum Schwarzen Meer eben mehrere Regionen erfassen und erstreckt sich gerade deswegen auf mehrere Fachbereiche. Die Überregionalität und die Interdisziplinarität war und ist die Grundvoraussetzung für die strukturelle Nähe zwischen Osteuropawissenschaft und Hungarologie – und für die Auseinanderentwicklung der Hungarologie und der Finnougristik. Jedenfalls war es die breite Konzeption, die bei der Gründung des UIM 1962 den Weg wies und seither am Institut gültig ist. Als drittes Merkmal kam die Internationalität hinzu: Die Hungarologie ist, wie sie vom UIM vertreten und betrieben wird, ganz und gar nicht an nationaler Nabelschau interessiert, dafür aber umso intensiver mit vergleichenden, beziehungsgeschichtlichen Fragestellungen befasst. Für diese Tradition stand der Institutsgründer Thomas von Bogyay (1909-1994) ebenso ein, wie die nachfolgenden Generationen der Leiter und Mitarbeiter, die diese Konzeption auch am Institut für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München vertraten. Wir bieten nun an, diese Tradition im Regensburger WiOS fortzuführen – natürlich den Anforderungen der neuen Zeitläufte angepasst.

 

2.

Beispiele für die drei erwähnten Merkmale aus dem Arbeitsbereich des Instituts sind für das Überregionale ein Projekt, das zusammen mit der Hochschule für Politik durchgeführt wurde und die grenzüberschreitende euroregionale Zusammenarbeit im Dreiländereck Ungarn-Rumänien-Serbien seit 1997 zum Untersuchungsgegenstand hatte. Diese Euroregion Donau-Kreisch-Marosch-Theiß steht thematisch an der Schnittstelle zwischen Regional- und Raumordnungsfragen, internationaler Politik und europäischer Integrationspolitik, Ökonomie und Infrastrukturentwicklung, umfasst aber auch Sprach-, Minderheiten- und Kulturaspekte.

Die internationale Ausrichtung zeigt sich nicht nur in der thematischen Ausrichtung, sondern vor allem an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Vor allem das traditionsreiche Graduiertenkolloquium, das zusammen mit drei süddeutschen Partnereinrichtungen veranstaltet wird, hat knapp über 100 Doktoranden mit hungarologischen Themen aus zahlreichen europäischen Ländern zusammengebracht, weiterentwickelt und fachlich vernetzt. Genauso wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch die Beratung von Politik und Wirtschaft zu ungarischen Fragen und verdeutlicht die Praxisnähe und Anwendbarkeit hungarologischer Konzepte auch jenseits der Hörsäle.

Interdisziplinäre und öffentlichkeitswirksame Ergebnisse sind unter anderem das Ungarn-Jahrbuch und der Informationsserver zur Beziehungs- und Integrationsgeschichte. Sie erreichen ein breites internationales Publikum und sind in ihrer Art einzigartige Publikationsorgane für ungarnnahe Themen. Während das Ungarn-Jahrbuch ein klassisches Printmedium mit großer fachlicher Tiefenwirkung ist, baut der Informationsserver mit der datenbankgestützten Internetpräsentation auf moderne Kommunikationswege und wird daher nachweisbar zwischen Südafrika und Finnland, Japan und Tuvalu, Kanada und Argentinien intensiv benutzt. Daher ist er seit 2005 ein wichtiger Beitrag des Ungarischen Instituts zur Erschließung und Bereitstellung von zitierfähigen Quellen direkt am Arbeitsplatz der Wissenschaftler.

 

3.

Die seit zehn Jahren ununterbrochene Bereitschaft der Republik Ungarn, dieses Institut auf bayerischem Boden mit zu fördern, hat unserem Arbeitsprofil sowohl formal als auch inhaltlich eine besondere Note verliehen. Die Zusammenarbeit Bayerns und Ungarns begann in diesem Projekt noch vor dem Beitritt Ungarns zur Europäischen Union und sucht in den kulturellen Kooperationen auf unserem Kontinent Ihresgleichen. Ich freue mich, dass sie neuerdings auch in der „Donauinitiative" der bayerischen Staatsregierung gewürdigt wird. Sie erklärt auch den Wunsch, den historischen Raum mit Ungarn der breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Die Künste, vor allem die literarischen, musikalischen und bildenden, sind so dem Ungarischen Institut in jüngerer Zeit gerne ans Herz gewachsen, zumal sie beste Möglichkeiten bieten, die Erträge der entsprechenden Wissenschaften darzubieten. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir in der kulturellen Dimension unserer wissenschaftlichen Tätigkeit zukünftig weitere Akzente setzen, etwa in der Regensburger Veranstaltungsreihe „Donumenta", die 2010 Ungarn als Gastland begrüßen wird.

 

4.

Die Forschungsaspekte Minderheiten und Minderheitenschutz sind Kernthemen des Instituts, ihre Bearbeitung geht aber über die üblichen historischen und rechtlichen Fragen des Minderheitenschutzes weit hinaus und bezieht Aspekte mit ein, die im deutschsprachigen Raum überhaupt nicht oder nur wenig beachtet werden. Losgelöst vom konkreten Länderbeispiel, aber immer unter der Prämisse der konkreten Anwendbarkeit, wird die Wirksamkeit von Minderheiten in Systemen, Gesellschaften und Ökonomien analysiert. Dabei stehen Fragen im Mittelpunkt wie z.B.: Wie wirkt ethnische Heterogenität in unterschiedlichen Staatsformen oder wie beeinflusst ethnische Heterogenität das ökonomische Wachstum?

Dieser Ansatz integriert politikwissenschaftliche, philosophische, entscheidungs- und kooperationstheoretische, wirtschaftswissenschaftliche, aber auch historische und rechtswissenschaftliche Methoden und Ergebnisse und legt einige interessante Schlussfolgerungen nahe, wie ein allseits akzeptierter und somit auch durchsetzbarer Minderheitenschutz formuliert werden könnte. Konkretisiert werden die theoretischen Überlegungen natürlich anhand ungarischer Minderheiten und werden durch die Analyse anderer Minderheiten abgesichert.

 

5.

Der Umzug unseres Instituts von München nach Regensburg dient mehreren Zielen. An dieser Stelle sei der bayerischen und ungarischen Förderseite einmal mehr dafür gedankt, dass wir uns an unserem neuen Standort zeitnah für das rein fachliche Ziel einsetzen dürfen: für die Weiterentwicklung der Konzeption der Hungarologie als interdisziplinäre Regionalwissenschaft im Rahmen der deutschen Forschung und Lehre zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa. Konkreter geht es um den Aufbau eines studienbegleitenden „Hungaricum", aus dem unter günstigen Umständen ein Studiengang „Deutsch-Ungarische Studien" hervorgeht. Die Zeit sollte reif sein, etwas einzurichten, was bislang an keinem Universitätsstandort in Deutschland gelungen ist und das sich zu einem auch international wegweisenden Projekt im Bereich der area studies entwickeln könnte. Wir empfehlen, das fächerübergreifende Angebot an Schwerpunkten auszurichten, die im akademischen Betrieb Deutschlands der letzten drei-vier Jahrzehnte für die Beschäftigung mit ungarischen Themen charakteristisch waren, nämlich in den Geschichts-, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Selbstverständlich wird die ungarische Sprache als eine der Sprachen der EU einen Kristallisationspunkt bilden – dies nunmehr dank des großzügigen Angebots des ungarischen Ministeriums für Unterricht und Kultur, ab 2010 eine Lektorstelle am Ungarischen Institut zu finanzieren. Wirklich modern und bahnbrechend wird dieses hungarologische Unternehmen aber nur dann sein, wenn es sich nicht auf reine Sprachvermittlung beschränkt, sondern diese mit der Literaturgeschichte in das gesamte interdisziplinäre Lehrangebot integriert. Gleichzeitig könnte das Lektorat des Ungarischen Instituts an der Universität Regensburg für mehrere osteuropabezogene Studiengänge einen Beitrag leisten. Es ist jedenfalls eine reizvolle Herausforderung für unser Institut, die fachlichen Voraussetzungen für dieses außergewöhnliche Vorhaben mit zu gewährleisten, dies von der Konzipierung bis hin etwa zur Quellen- und Literaturversorgung durch unsere Spezialbibliothek mit Sondersammlungen.

 

6.

Diese Herausforderung ist aber für uns keineswegs nur eine fachliche. Sie ist nach bester humanistischer Tradition auch eine Aufgabe, die in der Gemeinschaft bewältigt werden muss: die Aufgabe der Selbstgestaltung, die ihren tieferen Sinn durch die Mitgestaltung der Gemeinschaft erhält. Hierzu bieten wir die Zusammenarbeit des Ungarischen Instituts den Instituten am WiOS und an den entsprechenden Fakultäten der Universität Regensburg an, und hierzu bitten wir auch um deren Zusammenarbeit.

 

 

Seiten zuletzt aktualisiert am: 9.12.2009

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