Zsolt K. Lengyel

Thomas von Bogyays Hungarologie im Exil 1945-1994:
Reichweite und Wirkungen

Eine Fallstudie über grenzüberschreitende Wissensvermittlung 
zwischen Deutschland und Ungarn

Fertigstellung: 3. August 2003

Erschienen in: Wissenschaftsbeziehungen und ihr Beitrag zur Modernisierung. Das deutsch-ungarische Beispiel. 
Hg. Holger Fischer. Red. Mirja Juelich. München 2005, S. 483-565.

INHALTSÜBERSICHT

I. Aspekte der Annäherung an das Lebenswerk

II. Zu den wissenschaftlichen Anfängen

III. Inhaltliche Beständigkeit und westorientierter Ausbau des Werkes nach dem Zweiten Weltkrieg

1. Sprachliche und persönliche Voraussetzungen

2. Theoretische Leitmotive, Interpretationslinien, Kernthemen

a) Der kunstsoziologische Ansatz

b) Fächerübergreifende Zugänge

c) Die Ausweitung des Horizonts auf den Donauraum

d) Auf den Spuren westlicher und östlicher Einflüsse

e) Die Bewertung lokaler Symbiosen

f) Der Blick auf Kontinuitäten in der Lokalentwicklung

IV. Das journalistische und institutsorganisatorische Nebengleis

1. Redakteur am Radio Freies Europa

2. Gründungsdirektor des Ungarischen Instituts München e. V.

V. Rezeption des Privatgelehrten in der ungarischen und der westlichen Forschung

1. Ják

2. Mosapurc-Zalavár

3. Porta Speciosa

4. Johannes Aquila und die Wandmalereien von Turnišče, Velemér und Martjanci

5. Ungarns Heilige Krone

VI. Das wissenschaftliche Vermächtnis

1. Ergebnisse

2. Methode

3. Sichtweise

4. Die Modernität der Suche nach der „Wahrheit"

VII. Bibliographie

1. Ungedruckte Quellen

2. Schriften von Thomas von Bogyay

3. Sekundärliteratur

AUSZÜGE (ohne Quellenbelege und Literaturhinweise)

„Ich muß nämlich gestehen, daß ich, vor Probleme gestellt, mich fast immer vom Geist der Kritik, 
des Widerspruchs leiten ließ. In der Diskussion betrachtete ich meinen Gegner aber nie als Feind. 
Wir haben irgendwie immer begriffen, daß wir einunddasselbe Ziel verfolgen: die Wahrheit."

„Zumal es der Widerspruchsgeist war, dem ich die besten Anregungen zu verdanken hatte. 
Am Anfang jeder Arbeit steht bei mir nie eine plötzliche Erleuchtung, sondern die Kritik."

I. Aspekte der Annäherung an das Lebenswerk

Der Mann, dem dieser Aufsatz gewidmet ist, war weithin bekannt für seinen ausgefeilten Sinn, fragliche Tatbestände in historischen Zusammenhängen aufzuspüren. Die umsichtige Sachlichkeit, mit der er gegen vermeintlich abgesicherte Erkenntnisse konstruktive Einwände zu erheben pflegte, reihte ihn schon im Ungarn der Zwischenweltkriegszeit unter den führenden Gestalten der jungen Wissenschaftlergeneration ein. Thomas von Bogyay (Bogyay Tamás) war im westungarischen Güns (Kőszeg) am 9. April 1909 auf die Welt gekommen und studierte, als es das Königreich Ungarn seiner Kindheit nicht mehr gab. Sein früher Werdegang als Kunst- und Allgemeinhistoriker vor allem des Mittelalters fiel in die Zeit der Neuorientierung ungarischen Geisteslebens, die nach dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie durch die Aufteilung der Länder der Stephanskrone ausgelöst worden war. Das bildungspolitische Anspruchsdenken der ungarischen Regierungen in der Zwischenkriegszeit bewirkte bei ihm die Verinnerlichung des Ideals einer Objektivität, die es unablässig zu vervollkommnen gilt.

Der zweite politische Einflußfaktor traf Bogyays fachliche Entwicklung auf einem ersten Höhepunkt und drohte, sie jäh abzubrechen. Nicht der Zweite Weltkrieg, sondern vielmehr die anschließende Emigration war es, die sein Beharrungsvermögen als Wissenschaftler auf die Probe stellte. Die Verlegung des Wohnsitzes nach Bayern drängte ihn 1945 aus dem akademischen Leben Ungarns hinaus. Sie schnitt jedoch seine Laufbahn nicht entzwei. Unter gewandelten persönlichen Lebensumständen stand Bogyay zwar vor einem Neubeginn, mit dem er aber inhaltlich dort fortfuhr, wo er 1944 in Budapest aufgehört hatte. Trotz dieser Kontinuität sind seine Nachkriegsjahre als eigenständige Phase zu betrachten. Im Exil vergrößerte sich nämlich die Reichweite seines Werkes in entscheidendem Maße. Von seiner Ankunft im Westen bis zu seinem Tod in München am 8. Februar 1994 befleißigte er sich, seine Standpunkte nicht mehr nur in ungarischer, sondern auch in westlicher, vor allem deutscher Richtung mitzuteilen.

Diese Bestrebung setzte die Eingliederung Bogyays in die Wissenschaftslandschaft der neuen Heimat voraus. In dieser waren ihm allerdings weder im universitären noch im außeruniversitären Bereich fest formalisierte Arbeitsmöglichkeiten beschieden. Deshalb mußte er sein interdisziplinäres Forschungsprogramm, das sich mit kunstgeschichtlichen Schwerpunkten auf das Gebiet der regionalwissenschaftlichen Hungarologie erstreckte, gleichsam überinstitutionell bewältigen. Die publikations- und vortragsreife deutsch-ungarische Zweisprachigkeit sowie ein ausgedehntes Netzwerk kollegialer Bekanntschaften ließen ihn in die Stellung eines Privatgelehrten hineinwachsen, die er als hauptberuflicher Redakteur am Münchener Radio Freies Europa und als ehrenamtlicher Gründungsdirektor des Ungarischen Instituts München e. V. beibehielt. Im Rahmen dieser mehrgleisigen Tätigkeit bildeten sich die Leitprinzipien und Interpretationslinien seiner Kernthemen auf dem wissenschaftlichen Hauptgleis heraus, der im Mittelpunkt der deutschen und ungarischen Rezeption seines ungarnkundlichen Gesamtwerkes stand.

Bei der Beantwortung der Frage, ob Bogyay in beiden Integrationsrichtungen fachliche Impulse auszustoßen imstande war, wird sich herausstellen, daß er seine alte Heimat eigentlich nur physisch verließ. Sein Eintritt in die westliche Fachwelt bedeutete nicht den Austritt aus der ungarischen: Er fühlte den Puls der Forschung in einer grenzüberschreitenden Gelehrtengemeinschaft. Fünf seiner Kernthemen bezeugen, daß er dort, wo seine Karriere verheißungsvoll begonnen hatte, eine Rolle in der wissenschaftlichen Meinungsbildung spielte, lange bevor für ihn die Zeit ab der Mitte der 1980er Jahre reif wurde, den Gang der Forschung in Ungarn nicht mehr nur aus der geographischen Ferne mit zu bestimmen. Ob er mit seiner beharrlichen Suche nach immer richtigeren Erkenntnissen Wirkungen erzielte, die über seinen Tod hinaus die Fortsetzung einer hungarologischen Erneuerung zu bewirken vermögen, wird im Spiegel dreier Grundelemente seines wissenschaftlichen Vermächtnisses – seiner Methode, Sichtweise und wichtigsten Ergebnisse – zusammenzufassen sein.

Obige Aspekte werden nachfolgend erstmals anhand unbekannter oder nur spärlich verwerteter Materialien vertieft. Die Spezialliteratur hat sich bisher damit begnügt, einige allgemeine und – aus kunsthistorischem Blickwinkel – besondere Streiflichter auf Bogyays wissenschaftliche Tätigkeiten zu werfen sowie seine Rolle als Leiter des 1962 gegründeten Ungarischen Instituts München ausschnittweise zu charakterisieren. Einen Grenzfall zwischen Primär- und Sekundärschrifttum bilden fünf umfangreiche Interviews mit dem alten Bogyay, die vielfache Einblicke in den innersten Bereich dieser mediävistischen Werkstatt gewähren. Die Motive der Themenwahl, die Prinzipien des Arbeitsstils und die ideellen Grundlagen der Forschungsziele werden zusätzlich von ungedruckten und gedruckten biographischen Mitteilungen beleuchtet, die darüber hinaus das bislang publizierte lexikalische Datenmaterial erheblich ergänzen helfen. Als ausschließlich unveröffentlichte Schriftstücke werden Akten aus der Registratur des Ungarischen Instituts München zu den Jahren 1962-1968 herangezogen, welche die erwähnten Kurzberichte über Bogyay an der Spitze dieser Einrichtung nicht auswerten.

Den überwiegenden Anteil an ungedruckten und gedruckten Quellen bezieht diese Studie aus dem persönlichen Nachlaß Bogyays. Er beinhaltet eine mehrere tausend Bände zählende Fachbibliothek mit Buch- und Periodikaabteilung, eine ungezählt viele Regalmeter umfassende, teilweise vom Erblasser geordnete Korrespondenz der Nachkriegsjahre und wissenschaftliche Materialsammlung, außerdem Belegexemplare eigener Publikationen und deren Rezensionen. Dieser Bestand wurde im Sommer 1994 im Sinne des Verstorbenen und nach Absprache mit seiner Münchener Familie zweigeteilt. Fünf thematische Konvolute und vor allem die westsprachigen Titel der Bibliothek kamen in die Obhut des Instituts für Kunstgeschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften zu Budapest, der Großteil der Bücher und Periodika, die Korrespondenz sowie die übrigen Fonds in diejenige des Ungarischen Instituts München, dem später eine weitere Nachlaßgruppe auf Umwegen zuging. Der zunächst nur bestandssichernd eingelagerte Münchener Teilnachlaß wurde im Verlauf der Bearbeitung dieses Projekts unter Berücksichtigung der vom Erblasser festgelegten Sachkriterien nach Themengruppen beziehungsweise Gattungen erstgradig systematisiert und anhand kommentierter Verzeichnisse für die Verwertung in dieser Studie erschlossen. Dabei ließ sich die zuvor nur auswahlweise bekannte Bibliographie von und über Bogyay in wesentlichem Ausmaß ergänzen und durch Autopsien überprüfen.

[...]

VI. Das wissenschaftliche Vermächtnis

Umfang und Dichte der Ungarnkunde, die Bogyay im Exil betrieb, sprengen den Rahmen einer Gesamtbewertung, die sich bloß auf die Entstehungszeit der Leistungen richtet. Die Zusammenfassung der vorangehenden Abschnitte unter den beiden Gesichtspunkten, die der Untertitel dieser Abhandlung ankündigt, muß sich deshalb auf jene Zeit ausdehnen, in der die Reichweite und Wirkungen des Werkes von dessen Schöpfer selbst nicht mehr beeinflußt wurden.

Bogyays Tod im Februar 1994 wurde von der wissenschaftlichen und kulturellen Presse sowohl innerhalb als auch außerhalb Ungarns mit teilweise inhaltsreichen Nachrufen gedacht. In Ungarn, wo sogar eine Tageszeitung Abschied von ihm nahm, fand am 4. Januar 1995 eine Tagung zu seinem Gedenken statt, auf der seine wissenschaftliche Karriere gewürdigt und Fragen aus seinen Forschungsbereichen behandelt wurden; einige der in einem Band versammelten Vorträge erschienen auch in einer Zeitschrift. Außerdem widmete das ungarische wissenschaftliche Verlagswesen Bogyay 1994 und 1999 Sammelbände in zwei seiner bevorzugten Themenbereichen. Quantität und weiter Kreis der postumen Ehrungen entsprechen so dem Kontaktreichtum in der Biographie des Exilanten nach dem Weltkrieg, dem auch die politisch bedingten Schwierigkeiten der Kommunikation mit der Fachwelt in Ungarn keinen unverwindbaren Abbruch taten.

Um die Qualität der nachträglichen Anerkennungen ist es nicht schlechter bestellt. In einem Fall begegnen wir zwar einer eher zweideutigen Beurteilung, die aber die eindeutigen um so klarer zum Vorschein treten läßt. Er war „ein ausgezeichneter Bibliograph und Wissenschaftshistoriker", versuchte die Kunsthistorikerin Éva Kovács in ihrem Nachruf die Bedeutung des Verstorbenen zu umschreiben, und fügte hinzu, daß sie selbst „immer beruhigt gewesen" sei, anhand seiner Forschungsberichte keinen wichtigen Titel der internationalen Kronenforschung zu übersehen. Nur gab Bogyay nicht bloß fachliterarische Übersichten zum Besten, sondern – wie gerade Kovács aufgefallen sein dürfte – zugleich tiefgreifende Analysen. Und er bot diese nicht nur über die Königskrone Ungarns, sondern von Ják über die Porta Speciosa und Mosapurc-Zalavár bis hin zu Johannes Aquila über heute noch zentrale Themen der ungarischen Kunstgeschichtsschreibung, die es ihrerseits fertig brachte, über seine nach der Emigration erarbeiteten Ergebnisse früher oder später wohl informiert zu sein.

Gab es für Wissenschaftler in Ungarn einen Grund zur Annahme, daß ihre nach dem Weltkrieg emigrierten Kollegen „losgerissen von ihrem Material und der starken Entwicklung der Forschung in Ungarn" keine fachlichen Impulse mehr auszustoßen vermögen, so lieferte ihn gewiß nicht Bogyay. Mit der Eingliederung in die westliche Wissenschaftlichkeit löste er sich aus der engeren Optik, nicht aber aus den Grundströmungen der ungarischen Forschung heraus. Gleichzeitig glich ihm sein neues Arbeitsumfeld den Verlust an dem Arbeitsmaterial, das er in Ungarn zurückgelassen hatte, zur genüge mit Stoffen aus, die eben in seiner ursprünglichen Heimat unzugänglich waren. Zu Recht wurde ihm neuerdings wieder hoch angerechnet, daß er im Zusammenhang mit Mosapurc-Zalavár oder mit Johannes Aquila seit den 1950er Jahren hungarologische Aspekte der slowenischen Kunstgeschichte und Archäologie quellenkritisch herausgeschält und nach Ungarn vermittelt habe. Nützlich haben sich auch die Lehren erwiesen, die er aus Primärzeugnissen für eine „Selbstrevision der deutschen Kunstgeschichtsschreibung" im Thema der Abteikirche von Ják zog. Diese Beispiele zeigen, daß er im zutreffenden Urteil der Nachwelt den Gang der Forschung sowohl innerhalb als auch außerhalb Ungarns mit bestimmte. Insofern scheint die Annahme von Éva Kovács überzogen, daß „er wohl nie gemeint" habe, „ungarische Geschichte und Kunstgeschichte könne außerhalb der Grenzen" Ungarns „geschrieben werden". Bogyay schrieb sie in München mit, selbst wenn die Erinnerung daran verblassen sollte.

Zu Lebzeiten wurde ihm hin und wieder bescheinigt, die jeweilige Materie nicht nur tiefgreifend zu erforschen, sondern ihre Bedeutung ungarischen und außerungarischen Fachvertretern überhaupt bewußt zu machen. Heute dienen diese beiden Eigenschaften als Anhaltspunkte zur allgemeinen Charakterisierung seiner Wissenschaftlerlaufbahn. „Die ungarische Forschung der vergangenen Jahrzehnte", heißt es in einem Forschungsbericht über eines seiner gern untersuchten Themen, „wird am besten durch die Arbeiten" von Bogyay „repräsentiert". Sein „großes Verdienst" bestand darin, „daß er die ungarischen Forscher mit ausländischen Arbeiten [...] bekannt machte," und „gleichzeitig" ihre Arbeiten „einer der Meinung der ungarischen Historiker nach berechtigten Kritik" unterzog. Gerade diese enge Ausrichtung am Leistungsstand der ungarischen Wissenschaft war es, die Bogyays Vermittlung und Forschung, Aufklären und Klären im Westen immerzu in die andere Richtung drehte: Sie setzte den Maßstab der Kritik stets auch am Leistungsstand in Ungarn an. Die Ergebnisse, die er dabei erzielte, die Methode seiner Lösungsversuche und die Sichtweise seiner Fragestellungen bestätigen nicht nur die grenzüberschreitende Reichweite dieser Arbeitsleistung. Blenden wir den jeweiligen Forschungsstand unserer Tage ein, spiegeln sie auch ihre Tragweite wider.

1. Ergebnisse

Es ist gegenwärtig üblich, die Rolle von Johannes Aquila für die Entstehung der Gattung von Selbstbildnissen in der europäischen Malerei, den an Relieffragmenten aus Zalavár und am Sarkophag des hl. Stephan sowie an der Graner Porta Speciosa sichtbaren byzantinischen Einfluß, die Symbiose einheimischer und auswärtiger, vor allem Bamberger Verzierungen an der Abteikirche von Ják sowie deren Entstehungsphasen und Stellenwert in der Kirchen- und Kulturgeschichte Ungarns mit den entsprechenden Studien Bogyays zu belegen. Dessen Untersuchungen über Stephan I., die Schlacht auf dem Lechfeld sowie „Grundzüge" der Geschichte Ungarns werden in der westlichen Forschung zur allgemeinen Orientierung in wichtigen Zusammenhängen verwendet. Seine nachgelassenen Wertungen kehren sinngemäß auch in Aufsätzen wieder, in deren Bibliographie sein Name fehlt oder die seine einschlägigen Arbeiten nicht unmittelbar auswerten.

Das Vorwort eines der erwähnten Bogyay-Gedenkbände erinnerte an den „Autor der ersten und bisher einzigen Monographie der Kirche, der auch in der Emigration nie aufhörte, jeden gedruckten Satz über Ják kritisch zu besprechen. Er bestieg mit uns das eingerüstete Westportal, und wir können kaum hoffen, daß das Resultat der vergangenen Jahre seine[r] berechtigte[n] Kritik standhielte." Im Diskurs der Auffassungen über den Zeitpunkt der Entstehung der ungarischen Königskrone in ihrer heutigen Gestalt hält die Mehrheit der ungarischen Forscher die Zusammenfügung des lateinischen und griechischen Teils in der Regierungszeit Bélas III. für „wahrscheinlich" oder sogar „höchstwahrscheinlich". Wie einst von Bogyay und heutzutage wiederholt mit Verweis auf ihn breiter interpretiert, gilt dieses Herrschaftszeichen als Sinnbild der auf den hl. Stephan zurückgehenden Tradition der Symbiose östlicher und westlicher Staatsidee im mittelalterlichen Ungarn: „Es ist eine Grundsatzfrage, ob in der Ausbildung der ungarischen Heiligen Krone die Vorbilder der östlichen oder der westlichen Kaiserreiche eine Rolle spielten. Wenn jedenfalls bei der Zusammensetzung der ungarischen Krone die geschlossene byzantinische Kronenform als Beispiel diente, ist ihre Zusammensetzung höchstwahrscheinlich während der Regierungszeit Bélas III., der in Byzanz erzogen wurde (1172-1196), erfolgt." Somit gelang es Bogyay, eine Wertungsalternative zu der von Györffy ausgeprägten Anschauung über einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen der westlichen und östlichen Kirche im árpádischen Königreich einzubürgern – ein Anliegen, das auch in der neuesten deutschen Forschung anzutreffen ist.

Neben diesen fortdauernden Zustimmungen sind auch einige Ansätze zu erkennen, die Richtigkeit der Bogyayschen Standpunkte zu relativieren oder zu bezweifeln. So wird ein hauptsächlich französischer Zuschnitt der Porta Speciosa weiterhin angenommen, der genaue Vorgang der Einwirkung aus Bamberg auf Ják in Verbindung mit den noch offenen Fragen der baugeschichtlichen Periodisierung für noch nicht vollkommen nachvollziehbar erklärt, für die Kirchenorte auf dem Gebiet Mosapurc-Zalavárs eine neue Lokalisierungsmethode vorgeschlagen. Insgesamt haben jedoch die Ergebnisse Bogyays ihre Zeit mehrheitlich überdauert und nähren, wenn ihr Gehalt umstritten scheint, durchaus in seinem Sinne den Diskussionsbedarf in der entsprechenden Forschungsdisziplin.

2. Methode

Bogyay setzte seinen Grundsatz, verschiedene Forschungszweige an einem Tisch zusammenzubringen, nicht selten im wortwörtlichen Sinn um: Er selbst wechselte immer wieder die Disziplin. Die Vielschichtigkeit seiner Themen drängte ihn dazu, selbst vielseitig zu sein. Anders als Dercsényi oder Marosi verfaßte er auch allgemeinhistorische Werke, und er schrieb – von Györffy abweichend – auch kunstgeschichtliche oder archäologisch-linguistische. So lieferte er in einer Person das Gegenbeispiel für die Auseinanderentwicklung der einstigen „Zwillingswissenschaften" Archäologie und Kunstgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, die jüngst mit ungarischen Bezügen beklagt wurde. Aus seinen fächerübergreifenden Zugängen gingen Erträge hervor, an deren Rezeption verschiedene Forschungszweige beteiligt waren. Dieselben sind es heute noch. An erster Stelle ist die Kunstgeschichtsschreibung zu nennen, und zwar mit jener ihrer Strömungen, welche die Anforderung, ein Kunstobjekt nie aus seinem historischen Umfeld herausgelöst zu untersuchen, als themenunabhängig bleibende Lehre aus der Interpretationstechnik Bogyays ableitet. Dessen einzelne Aufsätze werden bezeichnenderweise in archäologischen und kirchenhistorischen Bibliographien empfohlen. Auf wieder andere stützen sich Kunst- und Allgemeinhistoriker mit ikonographischem sowie Geschichtswissenschaftler mit mediävistisch-kirchengeschichtlichem und byzantinischem Schwerpunkt.

Bogyays Name ist also auf mehreren benachbarten Forschungsfeldern im Umlauf, er ist aber ausgerechnet in jener Disziplin auffällig selten anzutreffen, die auf Anleitungen zur Interdisziplinarität nach wie vor grundlegend angewiesen ist: in der „Hungarologie" (hungarológia) beziehungsweise, wie sie im ungarischen Sprachraum auch bezeichnet wird, in der „Ungartumswissenschaft" (magyarságtudomány). Auffälligerweise wurde seine Tätigkeit bislang nur von einem seiner wissenschaftlichen Weggefährten im Exil als ungarnkundlich – im Original „ungartumswissenschaftlich" – bezeichnet. Ebenfalls im Westen stoßen wir auf einen Fall, in dem die Konzeption einer Ungarnkunde als interdisziplinäre Regionalwissenschaft auch organisatorisch fortgeführt wird, nämlich im Ungarischen Institut München, in dem sie von Bogyay in zeitgemäßer Umsetzung seiner vorkriegszeitlichen Erfahrungen als Auslandsstipendiat 1962 auf den Weg gebracht wurde; sie lag der Neuprofilierung dieser Einrichtung vor wenigen Jahren mit zugrunde. Allerdings haben bisher weder Bogyay noch seine Nachfolger in der Leitung des Münchener Instituts allgemeinere und durchgängige Nachahmungen ihrer Bemühungen auszulösen vermocht. Eine hungarologische Konzeption, welche die Ansprüche verschiedener kulturwissenschaftlicher Fachbereiche zu einem ganzheitlichen Forschungs- und Lehrprogramm vermengt und sich ihrerseits in eine Regionaldisziplin zu oder in Verbindung mit Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa einfügt, ist im aktuellen Universitätsbetrieb Deutschlands kaum mehr als eine Wunschvorstellung.

Die Feststellung, daß im vieldeutigen bis verworrenen Selbstbild der Hungarologie unter anderen ein westlicher und ein ungarländischer Definitionstyp auszumachen ist, und daß der westliche eine alles in allem breitere Aufgabenbestimmung abdeckt, läßt sich anhand der Reaktion in der Hungarologie Ungarns auf das Werk Bogyays zusätzlich erhärten. Sie war und ist schon der Anzahl nach derart zurückhaltend, daß es übertrieben wäre, sie als Rezeption zu bezeichnen. Eine Erklärung dafür verbirgt sich im Profil der Hungarologie, wie sie von der ungarischen Wissenschaftspolitik der späten 1970er Jahre mit einer bis in unsere Tage andauernden Gültigkeit konzipiert wurde. Sie folgt linguistisch-ethnographischen Zielsetzungen, die arbeitsteilige Ausbreitungen auf andere Fächer der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften selten zulassen; viele ihrer Anhänger begreifen sie noch immer allzu unbekümmert als ein Fach des Ungarischen als Fremdsprache. Ein solches Forschungs- und Lehrprogramm ist strukturell zu eng dimensioniert, um die Botschaft Bogyays über die Möglichkeiten und den Sinn einer Harmonisierung verschiedener Disziplinen zu empfangen.

3. Sichtweise

Beruf und Berufung haben Bogyay lebenslang eine mehrgleisige Betätigung aufgebürdet. Er hatte seine Laufbahn bereits vor dem Weltkrieg auf den Hauptgleis der wissenschaftlichen Forschung geführt. Im Münchener Exil bewegte er sich als Redakteur am Radio Freies Europa und als Direktor der Ungarischen Instituts zusätzlich auf Nebengleisen, deren fachliche Anforderungen er für die Pflege seines Profils als Privatgelehrter zu verwerten bestrebt war. Entscheidend war dabei, daß ihm sowohl die journalistischen Berufspflichten als auch die institutsorganisatorischen Aufgaben Erwartungen politischer Art gegenüberstellten, ohne ihn aus der Bahn seiner angestammten Berufung zu werfen. Er habe „nie politische Ambitionen" verspürt, erklärte er mehrmals glaubhaft in seinen biographischen Erinnerungen. Im Gegensatz zu vielen seiner Schicksalsgenossen, die Ungarn mit der ersten Emigrationswelle bis 1947/1948 verlassen hatten, bildete er sich zu keinem Zeitpunkt ein, auf den schnellstmöglichen Sturz der kommunistischen Machthaber in Budapest hinwirken zu können. Seine Abneigung gegen das von seinem Arbeitgeber, der amerikanischen Rundfunkanstalt medial bekämpfte totalitäre System des Kommunismus drückte er nur mittelbar, ausschließlich im fachwissenschaftlichen Disput mit marxistisch-leninistisch orientierten Werken aus. Und als Direktor des Ungarischen Instituts München ließ er nicht am Grundsatz rütteln, daß die außeruniversitäre Ungarn-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland ohne inhaltliche oder organisatorische Verquickungen mit der Exilpolitik zu institutionalisieren sei.

Diese Apolitik ist um so bemerkenswerter, als sie keineswegs der Zurückdrängung, gar Verleugnung der Nationalität ihres Schöpfers entsprang. Im Gegenteil. Sie war in seine ungarische Identität eingewurzelt. Bogyay lieferte nicht nur einmal erklärterweise „ungarische Beiträge" und er schrieb sie regelmäßig in seiner Muttersprache. Da er sich auf Deutsch und Ungarisch druckreif auszudrücken vermochte – und dies auch fortwährend tat –, wurde seine Eingliederung in die deutsche Forschung von der eigenen „Verbundenheit mit Volk und Heimat" nicht behindert. Von einer sprachlichen Selbstisolierung, wie sie anderen Historikern im früheren ungarischen Exil anzumerken sei, kann bei ihm keine Rede sein. Gerade deshalb gab die Natürlichkeit, mit der er zu seiner Herkunft stand, seinen Beziehungen zur nichtungarischen fachlichen Umwelt das Gepräge. Sie erst offenbarte in aller Klarheit das stärkste Antriebsmoment seiner fachlichen Westintegration: die Fähigkeit, die Bezugspunkte des eigenen Denkens immer wieder zu verlagern. Bogyay behauptete im hohen Alter zu Recht, nie „hungarozentrisch", sondern immer in „internationalen Perspektiven" gedacht zu haben. Diese Offenheit befähigte ihn, innerungarische und auswärtige Faktoren in der Optik beziehungsgeschichtlicher Fragestellungen zusammenzuführen. Von der intellektuellen Liberalität des Elternhauses und des frühen Bildungsumfeldes in jungen Jahren geweckt, festigte sich diese Ausblicksneigung nach dem Weltkrieg. Denn wer sich, wie Bogyay in Bayern, beständig über seine engeren ethnisch-kulturellen Bindungen hinweg öffnet, der „wird nie ganz heimatlos". In dieser Überzeugung empfand der Ungar Bogyay, einer „Republique des Lettres" zuzugehören.

Nichts deutet darauf hin, daß diese Stellung in den höheren Gefilden einer geistigen Gemeinschaft in ihrer Zeit ernsthaft angetastet worden wäre. Auf dem Weg dorthin lagen keine Hürden in der Art jener Geringschätzung, welche die Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa-Forschung in der alten Bundesrepublik Deutschland anderen, „zum Teil als ,primitive Antikommunisten’ gebrandmarkten" Exilanten aus dem Ostblock zuteil werden ließ. Nach bisherigen Kenntnissen fühlte sich Bogyay nur einmal und dann auch nur vorübergehend von einem deutschen Kollegen ausgegrenzt, wobei offensichtlich nicht prinzipielle, sondern persönliche Gründe die Hauptrolle spielten – wie im Zusammenhang mit der Übergabe der Leitung des Ungarischen Instituts München an Georg Stadtmüller geschildert.

Aus grundsätzlichen Erwägungen nicht berücksichtigt wurde er hingegen in einem vor zehn Jahren erschienenen Forschungsbericht über den „Beitrag der deutschen Geschichtswissenschaft zur ungarischen Geschichte 1981-1990", der bislang weder punktuell korrigiert noch umfassend ergänzt wurde, für die entsprechende Meinungsbildung also nach wie vor maßgeblich ist. Er übergeht „Arbeiten ungarischer Autoren einschließlich ungarischer Emigranten, die in Deutschland im Berichtszeitraum veröffentlicht wurden", es sei denn, es handelt sich um „Beiträge, deren Verfasser ungarischer Herkunft in Deutschland studierten". Da Bogyay diese Voraussetzung nicht erfüllt, erwähnt der Autor der Literaturübersicht nicht einmal seine 1990 in vierter Auflage verlegten „Grundzüge der Geschichte Ungarns". Dabei hatte ihn einst der „bekannte ungarische Mediävist und Kunsthistoriker" mit zahlreichen historiographischen Leistungen beeindruckt. Um so bemerkenswerter ist es, daß er mit seinem vorgefertigten Urteil Bogyay den Platz in der ungarnkundlichen Gelehrtenrepublik Deutschlands im nachhinein bewußt entzog.

4. Die Modernität der Suche nach der „Wahrheit"

Bogyay hatte sich nicht an vorgefertigten Urteilen erwärmen können. Noch weniger waren ihm abschließende Gewißheiten geheuer. Zum beharrlichen Zweifler wurde er durch die Art des Umgangs mit seinen Lieblingsthemen. Er verkörperte jenen Wissenschaftlertyp, den bestimmte Fragen nie loslassen. Indem er sie wiederholt von neuem aufwarf, förderte er die eigene Bereitschaft, ihre Behandlung zu erneuern. In seiner bevorzugten Epoche, im Mittelalter, läßt die Spärlichkeit der Quellen endgültige Festlegungen selten zu, ist die Diskussion selbst ein Gradmesser des Fortschritts durch Überprüfung, Verbesserung oder gar gänzliche Überwindung des Forschungsstandes. Fragen und hinterfragen, aufwerfen und verwerfen, berichtigen und richtigstellen vollzog der Mediävist Bogyay als Schritte einer vorwärtsgewandten Untersuchungstechnik, die solcherart modern, zudem auch glaubwürdig war. Denn er reihte sich selbst ständig unter den Zielpunkten der Neubewertungen ein.

Diese Arbeitsweise beruhte nicht nur auf fachinternen Anforderungen. Ihre mentale Voraussetzung ist aus dem Leitspruch herauszulesen, den Bogyay dem Logbuch des Familienbootes am Plattensee in jungen Jahren entlehnt hatte. „Dem Sonnenschein, dem Regen, mit gleichem Mut entgegen" hieß die Zeile, die er sich keineswegs nur im allgemeinen Wandel privater Lebensbedingungen vor Augen hielt. Die Weisheit des Seglers setzte er auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit um. Sie stärkte ihn in jener gedanklichen Flexibilität, die er im Elternhaus und im Budapester Eötvös-Kolleg im Geiste der kritischen Freisinnigkeit erlebt und erlernt hatte. Bogyay war kritisch, weil er in der alltäglichen Forschungsarbeit – abgesehen von den handwerklichen Regeln – keine unverrückbaren Grundsätze kannte. Und er war freisinnig, weil er diese Dogmenfreiheit auch anderen Autoren zugestand. Er setzte seine Schöpferkraft weltoffen und offen für Verbesserungen des fachlichen Wissensstandes ein.

„Seine Vielseitigkeit setzt freilich auch eine nicht geringe geistige Flexibilität voraus. Nichts liegt" ihm „ferner als Dogmatismus und stures Festhalten an vorgefaßten Thesen." Diese Worte wurden nicht etwa über Bogyay niedergeschrieben. Bogyay selbst benützte sie zur Würdigung von György Györffy – mit einer kaum zu übertreffenden Eleganz, hatte er ihm doch in keiner der gemeinsamen Streitfragen abgewandelte, geschweige denn neue Meinungen abringen können. In der Eigenschaft, die er dem Budapester Historiker zuschrieb, sah er jedenfalls die Offenbarung einer modellhaften Vorgehensweise, die er in der Charakterisierung eines anderen Zeitgenossen, des Berner Mediävisten Deér als „wahrheitssuchenden Gelehrten", zweifellos treffend rühmte. Tief beeindruckt war er von dessen Gewohnheit, Wege zu möglichen Lösungen von methodisch und inhaltlich mehrschichtig umrissenen ungarischen Ausgangsproblemen unter Berücksichtigung von auswärtigen Aspekten und bei ständiger Überprüfung von eigenen Ansichten aufzuzeigen.

Bogyay bescheinigte sich scherzhaft einen gewissen „Juckreiz zum Widerspruch". Es war ihm bewußt, daß er „manchmal eine Haarspalterei" zu betreiben schien. Um so erfreuter war er, wenn – wie entsprechende Rückblicke bestätigen – seine nimmermüden Einwendungen die Debatten mit Forschern gleicher oder zumindest ähnlicher Arbeitsauffassung zielführend untermauerten. „So kam es vor", führte er seine Dankesrede bei der Verleihung der Budapester Ehrendoktorwürde an der im ersten Motto dieses Aufsatzes zitierten Stelle fort, „daß aus Meinungsverschiedenheiten wahre Freundschaften wurden. Denn der menschliche Friede ist kein Zustand unbeweglicher, untätiger Ruhe, sondern die Harmonie der handelnden Menschen auf der Grundlage der gegenseitigen Anerkennung und Liebe."

Bogyay setzte Wegmarken eines Wissenschaftlermodells, das sich aus dem Glauben an die Erneuerungsfähigkeit fachlicher Wissensfülle fernab von beckmesserischer Fortschrittsgläubigkeit nährt. Er belehrte nicht, sondern lehrte, daß die wissenschaftliche Bildung gerade dann gepflegt ist, wenn sie nicht den Anspruch erhebt, absolut zu sein. „Sucht, seht und schreibt die Wahrheit", faßte er in seiner zitierten Dankesrede seine sechzigjährigen Bemühungen um die Fortentwicklung der Hungarologie in einer Paraphrase auf den Psalm des hl. Augustinus zusammen. Er suchte die Wahrheit in der vergangenen Wirklichkeit mit ihren Fragen, die „vielleicht nie beantwortet werden". Das Vielleicht bewog ihn, sie aufs Neue aufzurollen, und die ständigen Suchansätze bewahrten ihn davor, sich anzumaßen, immer endgültige Antworten finden zu können. Diese standhafte fachliche Selbstprüfung hatte er jenem Historiker aus Ungarn empfohlen, der – wie im V. Abschnitt zitiert – in politisch schwierigen Zeiten seine Meinung über die Lage der in der „Heimat gebliebenen Magyaren", wohl vor allem der Wissenschaftler, erbat.

Es war das Motiv der unablässigen Ergründung immer zutreffenderer Forschungserkenntnisse, das aus dieser Suche Bogyays einen individuellen Versuch zur Modernisierung der Hungarologie gestaltete. Von den sechs Jahrzehnten dieser Bemühung standen vier im Zeichen der Herausforderung, aus dem zwischenkriegszeitlichen Ursprungsumfeld diejenigen Eigenschaften des Faches zu übernehmen, die ein einzelner auch ohne institutionelle Stützen weiterzuentwickeln imstande ist, wenn er nur intellektuell beweglich und handwerklich bewandert genug ist. Die apolitische Haltung kam bei dem Mann hinzu, der nur die fachlichen Bestandteile der alten hungarologischen Konzeption, allen voran die fächer- und länderübergreifenden Untersuchungsprinzipien, ins Exil mitnahm und sie hier in teilweise alten Themen, aber in neuen inhaltlichen Gewändern pflegte. Er schrieb zeitbeständige Ergebnisse, die erkenntnisvermehrende Methode der Interdisziplinarität und eine grenzüberschreitende Sichtweise ins deutsch-ungarische Kapitel des Stammbuches internationaler Hungarologie. Diese drei Grundelemente seines wissenschaftlichen Vermächtnisses werden vom Muster einer gehobenen Diskussionskultur überwölbt, in der die gegenseitige Achtung unter Kollegen zu den erstrangigen Arbeitszielen gehört. Bogyay überschritt auch die menschlichen Schranken selbstbezogener Fachkundigkeit. Er schuf ein Modell sympathischer Gelehrsamkeit, die wohl nie und nirgends von sich nachweisen muß, daß sie zeitgemäß ist. Sie spornt deswegen an, nach den Möglichkeiten zu suchen, das von ihr Verwirklichte pflegend zu bewahren und das, was ihr zu erreichen nicht gegönnt war, zu verwirklichen.